Nahostkonflikt
„Unsere Würde ist wertvoller als Steine“

Der Flüchtlingsstrom aus dem Süden des Libanon scheint nicht abzureißen. In der Region wehen die Flaggen der Hisbollah in menschenleeren Orten - der Rückhalt für die Miliz scheint dennoch ungebrochen.

TYRUS. Die Fahrt in den Süden des Libanon ist eine Fahrt gegen den Flüchtlingsstrom. Die Autos, Kleinbusse und Pickups sind alle überladen, ein weißes T-Shirt oder ein Handtuch sollen vor Angriffen schützen. Alle fahren zu schnell, es gibt viele schwere Unfälle. Bereits kurz nach Beirut ist die Hauptstraße zerbombt, der Weg führt nun durch das Chouf-Gebirge über verwinkelte Sträßchen. Das Gebiet der Drusen wurde bisher von den israelischen Angriffen praktisch verschont. Klar ist die israelische Taktik zu erkennen, den Flüchtlingsstrom in sunnitische, drusische und christliche Gebiete zu lenken, um die schiitische Hisbollah von ihrer Basis abzuschneiden.

Die Abzweigung nach Nabatiya ist ein Trümmerfeld, der Ort selbst - in Friedenszeiten bekannt für das schiitische Ashoura-Fest - fast ausgestorben. Die glitzernden Geschäftslokale in der Unterstadt stehen alle leer, dazwischen immer wieder Bombenkrater. Außer ein paar Shabab - jungen, unbewaffneten Hisbollah-Freiwilligen - ist niemand zu sehen. Die gelben Hisbollah-Fahnen flattern im ganzen Ort neben den grünen von Amal, der zweitwichtigsten schiitischen Gruppierung, an deren Spitze Parlamentspräsident Nabih Berri steht.

Vor einem kleinen Café sitzt eine Gruppe Männer, sie rauchen Wasserpfeife und schwatzen. Ungefragt mischt sich ein Einheimischer darunter, der als erstes die Pässe der Journalisten sehen will, die sich kurz zu den Männern gesellen. Er behauptet von sich, der lokale Polizeichef zu sein. Das Misstrauen gegenüber Fremden ist groß. Man fürchtet sich vor Spionen, die dem Feind Angriffsziele verraten könnten.

Nur zehn Prozent der Menschen seien geflüchtet, behaupten die Männer, das Leben verlaufe ganz normal. Der Augenschein zeigt eine andere Wahrheit. Nabatiya ist fast eine Geisterstadt. Aber die Gäste im Café geben sich unerschrocken und kämpferisch, obwohl in der Ferne Rauchsäulen aufsteigen, dort, wo die israelische Bodeninvasion bereits im Gang ist. Die Opfer, die die im Jahr 2000 beendete israelische Besetzung gefordert hat, sind unvergessen. "Unter jedem Sandkorn gibt es hier einen Kämpfer", sagt einer der Männer. "Die Würde ist wichtiger als Steine", fügt er mit Blick auf die neuen Zerstörungen hinzu. Für die Männer ist der israelische Angriff auf den Libanon ein Krieg gegen die Schiiten, weil die in vielen Ländern zu mächtig würden. Deshalb freuen sie sich über die bisherigen militärischen Aktionen der Hisbollah und sehen deren Generalsekretär Hassan Nasrallah schon als neue Führungsfigur in der arabischen und islamischen Welt und Held aller, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen.

Seite 1:

„Unsere Würde ist wertvoller als Steine“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%