Archiv
Name Game

Er ist blau, wendig und surft schon seit einigen Monaten mehr oder weniger beachtet im Auftrag seines Dienstherren durch das Internet - die Rede ist vom Internetadler der Bundesregierung...

Seine Mission: Er soll die Bundesbürger für das weltweite Datennetz begeistern und damit die Nutzung und Verbreitung moderner Informationstechnologien beschleunigen. Sein Problem: Das WWWappentierchen ist namenlos und tut sich deshalb mit seiner Rolle als Werbeträger für die im September vergangenen Jahres gestartete IT-Kampagne der Bundesregierung sehr schwer. Das soll sich nun ändern: Ein Namenwettbewerb soll das pussierliche Tierchen aus der Anonymität erlösen und ihm helfen, "Everybody's Darling" zu werden.

Dafür treibt das Presse- und Informationsamt einen Millionenaufwand: Im Internet, mit Hilfe von Anzeigen und auf 7,5 Millionen Postkarten, die noch bis zum 28. Februar in Gaststätten, Kinos und Stadtteil-Zeitungen verteilt werden, soll der unter dem Motto "Name it - win it" stehende Wettbewerb bekannt gemacht werden. Zusätzlich wird im Februar per Kinospot in mehr als 26 000 Filmvorstellungen für die Aktion und ihren virtuellen Hauptdarsteller geworben.

Den Sieger der Namenssuche kürt eine Jury aus Prominenten und Politikern, die Patenschaft für das blaue Baby übernimmt der Chef höchstpersönlich: Bundeskanzler Gerhard Schröder wird den Werbevogel zum Auftakt der Computermesse CeBIT (wo sonst?!) am 22. März auf seinen Namen taufen. Auf die Sieger des "Name Game" warten als Preise immerhin unter anderem ein Notebook und eine Reise nach Berlin.

Spätestens bei dieser Gelegenheit sollte das athletisch anmutende Federvieh versuchen, auch den Bundeskanzler für seine eigene Aktion zu begeistern und ihm die eine oder andere Regel vor allem des elektronischen Datenaustausches näher zu bringen. Glaubt man dem Ergebnis eines Versuchs der Zeitschrift "Tomorrow", ist das nämlich bitter nötig: Sein Büro benötigte stolze zehn Tage, um eine E-Mail-Anfrage zu beantworten, die die Zeitschrift an alle 668 Bundestagsabgeordneten geschickt hatte (Zum Vergleich: Der schnellste Volksvertreter antwortete schon nach sieben Minuten).

Soll die Kampagne nämlich wirklich ernst genommen werden, muss der smarte Kanzler mit gutem Beispiel vorangehen und die Etikette der virtuellen Welt vorleben. Sonst steht zu befürchten, dass aus dem fürstlich gesponsorten, stolzen blauen Raubvogel schnell ein farbloser Pleitegeier wird, der seine Karriere irgendwann als leichtes Opfer im Moorhuhn-Spiel fortsetzen muss.

Marc Renner  Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Marc Renner
Handelsblatt / Chef vom Dienst
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%