Nanoroboter schüren neue Ängste
Michael Crichton heizt die Diskussion um Gefahren der Nanotechnik an

Wie gefährlich ist die Nanotechnik? Bestsellerautor Michael Crichton hat mit seinem Buch "Beute" die Diskussion erneut entflammt. Die Fiktion von außer Kontrolle geratenen Nanorobotern sorgt für Ängste.

SAN FRANCISCO/DÜSSELDORF. Bestsellerautor Michael Crichton hat in den USA mit seinem neuen Buch "Prey" (Beute) eine Diskussion neu entflammt, die bereits vor Jahren geführt wurde. In Zeitungen und Talkshows melden sich verunsicherte Leser und Umweltschützer und fordern eine bessere Kontrolle der Wissenschaft. "Wir sind besorgt darüber, dass Nanoteilchen in die Nahrungskette und ins Trinkwasser geraten könnten und dass Nanoröhren sich in unser Immunsystem schleichen, ohne dass wir etwas davon merken", sagte beispielsweise Pat Mooney, Chef der kanadischen Umweltschutzgruppe ETC (Action Group on Erosion, Technology and Concentration) in einem Interview.

Den verängstigten Lesern des Buches ist nur schwer zu vermitteln, dass es sich bei der Geschichte von Crichton um reine Science-Fiction handelt - dass Nanoroboter nur in den Köpfen weniger Wissenschaftler und Autoren existieren und es gar nicht klar ist, ob es die bakteriengroßen Maschinen jemals geben wird. Forscher wie der deutsche Physiker Wolfgang Heckl versuchen es dennoch. "Das Szenario in Prey ist sehr künstlich", wird er in der kanadischen Zeitung Globe and Mail zitiert. "Dennoch sollten wir die Ängste ernst nehmen", bekräftigt Heckl. "Wenn genügend US-Senatoren Anrufe von ihren Wählern bekommen, die sagen ?ich habe gerade Prey gelesen und Angst bekommen?, dann könnte sich das tatsächlich auf die Forschungsgelder auswirken." Die Nanotechnologie stecke gerade erst in den Kinderschuhen, finanzielle Kürzungen würden die junge Wissenschaft deutlich zurückwerfen.

Crichton spielt in seinem Buch mit den Ängsten unserer Zeit: Ehrgeizige und skrupellose Wissenschaftler bedenken die möglichen Auswirkungen ihrer Erfindungen nicht. Die Innovationen wachsen ihnen über den Kopf. "Doch im Gegensatz zu den Diskussionen über die Gefahren der Gentechnik ist die Umsetzung der molekularen Nanotechnologie noch Jahrzehnte entfernt", gibt Roland Wiesendanger, Professor für Angewandte Physik an der Uni Hamburg und Sprecher des Kompetenz-Zentrums Nanoanalytik, zu bedenken.

"Die Vision von diesen Nanomaschinen entbehrt zurzeit jeder wissenschaftlichen Grundlage", erläutert Wiesendanger seine Einschätzung. "Zwar kann man nicht ausschließen, dass es Nanoroboter jemals geben wird, doch bis dahin werden sicher noch mehrere Jahrzehnte ins Land gehen." Das größte Problem beim Bau von Nanosystemen ist, dass in dem Mikrokosmos von einem Millionstel Millimeter völlig andere Gesetzmäßigkeiten gelten. "Viele Zusammenhänge sind heute noch nicht klar", so der Hamburger Nanotechnikspezialist.

Wenn heute über Erfolge in der Nanotechnologie berichtet wird, dann handelt es sich dabei vor allem um Innovationen in der Materialwissenschaft - die Nutzung kleiner Partikel, mit denen Oberflächen kratzfest werden oder die Eigenschaften von Autoreifen optimiert werden können. Darüber hinaus gibt es Hoffnungen in der Medizin, dass Wirkstoffe mit Hilfe von Nanokapseln viel gezielter an den Wirkort gebracht oder dass mit Tumormarkern - das sind fluoreszierende Nanopartikel - Krebszellen zerstört werden können.

Ein anderer Bereich der Nanotechnik beschäftigt sich mit der Herstellung dünner Schichten, die teilweise mit Nanopartikeln erzielt werden. Dabei geht es um eine weitere Miniaturisierung der Mikroelektronik, mit der noch leistungsfähigere Computer gebaut werden sollen. Große Hoffnungen werden in diesem Zusammenhang an so genannte Nanotubes geknüpft, das sind Röhrchen aus mehreren Kohlenstoffatomen, die wie Drähte die Energie im Mikrokosmos übertragen sollen.

Von diesen Entwicklungen, da sind sich auch die Kritiker in den USA einig, gehen noch keine unmittelbaren Gefahren aus. "Wir stehen in der Nanotechnik erst am Anfang", sagt Heinz Fissan, Nanotechniker an der Uni Duisburg. "Dennoch müssen wir uns schon heute mit den möglichen Folgen der neuen Technologie auseinander setzen." Wie es scheint hat der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) aus den Erfahrungen der Gentechnik gelernt. Um die möglichen Potenziale und Gefahren der Technologien auszuloten, hat der VDI den Arbeitskreis "Nachhaltigkeit in der Nanotechnik" gegründet, der im nächsten Jahr seine Arbeit aufnehmen wird.

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