Napster schließt Abkommen mit drei großen Plattenfirmen
Der Musikindustrie steht ein heißer Sommer bevor

Der Lizenzabschluss mit drei großen Musikkonzernen kam für Napster zur rechten Zeit. Nach einer Untersuchung des Internetdienstleisters Webnoize ist die Zahl der über die Web-Musiktauschbörse heruntergeladenen Musikstücke seit ihrem Höchststand von 2,8 Milliarden Tauschvorgängen im Februar 2001 um 87 Prozent abgestürzt. Die Filter, die Napster auf Gerichtsbeschluss installieren musste, um Verletzungen des Urheberrechts zu verhindern, zeigen Wirkung. Chart-Hits sind auf Napster kaum noch zu bekommen, die Musikinstitution Napster droht zu veröden.

Doch gleichzeitig stellte Webnoize auch fest, dass die Zahl der im Schnitt angemeldeten Nutzer mit rund 844 000 nur unwesentlich gefallen war und sich wohl sogar auf diesem Niveau stabilisiert hat. Da ist er also, der harte Kern der Musikfreunde, auf den Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff setzt, wenn er vom enormen Potenzial des Online-Musikvertriebs schwärmt. Doch wie lange hält dieser Kern bei diesem Minimalangebot noch still?

Seine Bedenken konnte Middelhoff in Einzelgesprächen vor zwei Wochen auf einer Microsoft-Veranstaltung in Seattle offenbar bei den richtigen Adressen anbringen. Die schleppenden Verhandlungen mit Musicnet, der Internetvertriebsplattform von Warner Music, Emi und der hauseigenen BMG kamen wieder in Gang, und die Ergebnisse wurden gestern in San Francisco präsentiert. Mit dem Musikangebot dieser Konzerne ist der Start der kommerziellen Napster gesichert. Wenngleich bittere Zugeständnisse nötig waren: Erst nachdem Konkurrent AOL und Technologielieferant Real Networks im Spätsommer ihre eigenen Musikdienste gestartet haben, darf auch Napster loslegen.

Und dann werden die Kunden entscheiden müssen. Sie können auf weiter bestehende kostenfreie Napster-Konkurrenten im Web ausweichen oder sich bei "Napster neu", AOL oder Real anmelden und zahlen. Oder sie kaufen (und brennen) weiter einfach CD. Denn ein wichtiger psychologischer Effekt ist noch gar nicht erforscht. Sind die Musikfreunde überhaupt bereit, ihre Sammelwut aufzugeben? Endet ein Online-Abo, sollen die Nutzer laut Musicnet auch keinen Zugriff mehr auf die heruntergeladenen Dateien haben. Sprich: die Musik ist aus. Das ist etwas anderes als die CD-Sammlung im Regal - und anders als beim alten Napster. Das ist eine völlig neue Art des Musikvertriebs. Eine "Hörlizenz auf Zeit" statt eines lebenslangen privaten Nutzungsrechts. Werden die Kunden dies akzeptieren?

Es wird ein heißer Sommer für die Musikindustrie und für die Online-Industrie. Denn wenn solche Abonnement-Vertriebsmodelle für die Medienindustrie nicht funktionieren, muss die Branche noch einmal ganz von vorne anfangen, was das Geldverdienen im Web betrifft.

Das scheint auch Musicnet-Partner Emi so zu sehen und baut schon einmal vor. Der britische Musikkonzern hat just eine Kooperation mit dem Software-Anbieter Roxio (führender Anbieter von CD-Brenner-Software) geschlossen, damit Emi-Titel aus dem Internet - kopiergeschützt - direkt im Wohnzimmer des Kunden auf CD gebrannt werden können. Etwas teurer als im Online-only-Vertrieb, aber immer verfügbar und passend für jeden normalen CD-Spieler in Haushalt oder Auto. Das hat auch was.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%