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Nase vorn durch E-Business

Die Pioniere machen es vor: E-Business bringt enorme Wettbewerbsvorteile - auch für kleinere Firmen.

DÜSSELDORF. Wenn man ihn so reden hört, mag man kaum glauben, womit Rolf Struppek sein Geld verdient: Er schwärmt in den höchsten Tönen vom Internet - und ist Chef eines mittelständischen Maschinenbauers. "Es bietet uns ganz neue Möglichkeiten", meint der Geschäftsführer der Bielefelder Boge Kompressoren GmbH & Co. KG. "Der Maschinenbau wird sich durch E-Business stark verändern." Boge müsse das Netz nutzen, um im Geschäft zu bleiben.

Der Familienbetrieb mit 135 Mill. DM Jahresumsatz und 480 Mitarbeitern will mit dem Internet sein Auslandsgeschäft ankurbeln - ohne in jedem Winkel der Welt teure Service-Niederlassungen aufmachen zu müssen. Dafür hat Boge seine Kompressoren web-fähig gemacht: Sensoren messen alle wichtigen Daten der Anlagen und übermitteln sie über das Netz nach Bielefeld. Struppek: "Wir können Maschinen in China aus der Ferne überwachen und bei vielen Störungen weiterhelfen, ohne dass ein Service-Techniker hinfliegen muss."

Boge ist nicht allein: Heimlich, still und leise erobert die Internet-Revolution den deutschen Mittelstand. Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit haben Vorreiter wie das Bielefelder Unternehmen angefangen, die Vorteile des Webs für sich zu nutzen. Noch befinden sich die Pioniere aber in der Minderheit: Nur jeder fünfte Mittelständler wickelt derzeit geschäftliche Transaktionen über das Netz ab, ergab eine Studie des Kasseler Marktforschers Tech Consult unter 1 054 mittelständischen Unternehmen. Allerdings: 44 % planen in diesem Jahr den Einstieg ins E-Geschäft. "Der Mittelstand drängt vehement ins Netz", sagt Patrick Molck-Ude, Chef des IBM-Bereichs Mittelstand, "bei uns nehmen die Anfragen von Unternehmen zu E-Business kontinuierlich zu."

Einer der ersten Schritte für das E-Business ist oft der Aufbau eines Online-Shops. "Es reicht aber nicht, einfach nur den Papierkatalog ins Internet zu stellen", erklärt Christoph Janning, Mittelstandsspezialist bei der Unternehmensberatung Cap Gemini Ernst & Young. "Das ist nur für den Anbieter interessant, nicht aber für den Kunden." Die Abnehmer akzeptierten den Internet-Handel nur, wenn er ihnen "echten Mehrwert" bringe: Wenn sie zum Beispiel selbst prüfen können, ob und wann ein Produkt lieferbar ist.

Auf solche Zusatzservices setzt Thomas Kern, Chef des Stöver Frischdienstes, der Imbissbuden und Restaurants mit Lebensmitteln beliefert. Seit März 2000 vertreibt Stöver Pommes Frites und Bratwürste, Salate und Tiefkühlkost auch über das Web. Von seinen 30 000 Kunden ordern heute 5 500 per Mausklick. "Wir bieten den Kunden auf der Web-Seite Zugriff auf alle Daten, die wir im Rechenzentrum abspeichern." Die Geschäftspartner können sich so detaillierte Statistiken über die Einkäufe herunterladen - interessant besonders für große Restaurantketten, die Überblick über die Bestellungen der einzelnen Filialen behalten wollen. Das Netz macht die Order zudem bequemer: Wer immer das Gleiche kauft, kann seine alte Bestellung wiederverwenden.

Bei Stöver landen die Bestellungen direkt im Warenwirtschaftssystem, niemand muss sie mehr manuell bearbeiten - das entlastet den Außendienstler und die Beschäftigten im Call-Center. "Die können sich stärker auf die Beratung des Kunden konzentrieren und ihm zum Beispiel Menüvorschläge machen", sagt Kern. Stöver kann außerdem seine Produktion besser auf die Nachfrage abstimmen - denn die eigenen Herstellbetriebe sind ebenfalls ans Warenwirtschaftssystem gekoppelt: "Wenn ein Restaurant bis mittags Kartoffelsalat bestellt, produzieren wir ihn am gleichen Tag und liefern ihn am nächsten Morgen aus."

Durch das Internet massenhaft neue Kunden zu gewinnen - von dieser Idee haben sich aber viele Mittelständler inzwischen verabschiedet. "Oft geht es ihnen darum, Stammkunden über das Internet besser zu betreuen", sagt Holger Neinhaus von der Düsseldorfer Unternehmensberatung SMP.

Diesen Weg geht Bär Cargolift aus Heilbronn, einer der führendern Anbieter von Hubladebühnen für Lastwagen. "Wir wollen mit dem Internet nicht mehr Umsatz machen, sondern unsere internen Abläufe rationalisieren", erläutert der kaufmännische Leiter Rolf Petermann. Bär hat dafür sein Servicegeschäft teilweise ins Netz verlagert: LKW-Werkstätten können Garantieanträge online ausfüllen, elektronisch übermitteln und sich im Netz über den Bearbeitungsstand informieren, ohne anrufen zu müssen. Sachbearbeiter können Anträge schneller bearbeiten, weil sie diese nicht erst abtippen müssen.

Beliebt ist bei mittelgroßen Unternehmen auch der Einkauf über das Internet, das so genannte E-Procurement: Fast drei Viertel der Firmen, die bereits E-Business betreiben, decken sich über das Netz mit Waren ein, fand Tech Consult heraus. Zum Beispiel der Fuldaer Automobilzulieferer Edag + Design AG der rund 300 000 DM in ein E-Beschaffungs-System für indirekte Güter wie Büromaterial steckte. Die Mitarbeiter können Notizblöcke und Bleistifte nun direkt über das Firmen-Netz ordern. Falls der Vorgesetzte die Bestellung elektronisch genehmigt, wird sie digital an den Lieferanten übermittelt - derzeit noch per E-Mail, in Zukunft soll sie direkt in das Warenwirtschaftssystem des Händlers fließen. Dieser schickt dann seine Rechnung direkt in die EDV von Edag. "Wir erhoffen uns dadurch eine erhebliche Senkung der Prozesskosten", sagt der stellvertretende Einkaufsleiter Horst Kosterka.

Der elektronische Datenaustausch zwischen Unternehmen bringe "erhebliche Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen", sagt auch SMP-Berater Neinhaus. Unter dem Stichwort Electronic Data Interchange (EDI) ist die Sache zwar seit Jahrzehnten ein Thema, war aber bislang für viele Mittelständler zu kompliziert und teuer. "Die Web-Technologie hat die Sache wesentlich leichter gemacht", sagt Neinhaus. Denn inzwischen gebe es Web-Plattformen, die als Datendolmetscher fungieren: Unternehmen binden ihre EDV nur einmal an einen zentralen Knoten an, der die Daten für verschiedene Geschäftspartner aufbereitet: "Heute ist der elektronische Datenaustausch kein wahnsinniger Aufwand mehr, aber im Mittelstand ist er noch die Ausnahme."

In den Augen der Experten dürfte es jedoch nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich E-Business im Mittelstand flächendeckend durchsetzt. "Auf Dauer", sagt Heinz Paul Bonn, Vorsitzender des Mittelstandsforums des IT-Branchenverbandes Bitkom, "kann man sich der Sache genauso wenig verschließen wie dem Telefon."

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