Nationale Gesundheitsprogramme gefordert
Experten: Deutsches Gesundheitswesen teuer, aber nur Mittelmaß

Die Krebsvorsorge ist auf dem Stand von vor 20 Jahren und Volkskrankheiten breiten sich aus, weil es an Vorbeugung und Aufklärung fehlt. Das Bild, das Medizinexperten vom deutschen Gesundheitswesen entwerfen, fällt reichlich düster aus.

dpa BERLIN. Das deutsche Gesundheitswesen ist nach Ansicht von Experten zwar teuer, aber gemessen an medizinisch Standards nur Mittelmaß. Das zeige ein Vergleich mit anderen Ländern. Danach habe Deutschland zwar das teuerste Gesundheitssystem in Europa und das zweit teuerste auf der Welt nach den USA. Die Behandlungserfolge bei vielen Volkskrankheiten seien aber nur durchschnittlich, sagte der Kölner Gesundheitsökonom und Epidemiologe Prof. Karl Lauterbach am Mittwoch in Berlin.

Ähnlich wie Lauterbach machte auch der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Prof. Lothar Weißbach, vor allem Qualitätsdefizite dafür verantwortlich. Ärzte und Krankenhäuser arbeiteten meist still vor sich hin. Eine wirksame Sicherung und Kontrolle der Qualität fehlten. So schwankten die Überlebenschancen von Darmkrebspatienten nach einer Stichprobe von Klinik zu Klinik massiv, weil es an gesicherten Qualitätsstandards mangele.

In Deutschland wird zuviel über den Preis geredet

Die Krebsvorsorge in Deutschland verharre auf dem Stand von vor 20 Jahren und hinke den medizinischen Erkenntnissen hinterher, bemängelte Weißbach. Dies koste Menschen das Leben. Aber auch bei anderen Krankheiten gebe es fatale Qualitätslücken. So würden etwa 75 % der Bluthochdruck-Patienten nach Studien gar nicht oder unzureichend behandelt, sagte Lauterbach. Ähnlich sehe es bei Diabetes-Patienten aus, kritisierte der Düsseldorfer Diabetes-Experte Prof. Werner Scherbaum.

Die Experten mahnten an, die Qualität der ärztlichen Arbeit stärker in den Vordergrund zu rücken. In Deutschland werde fast nur über den Preis des Gesundheitswesens geredet. Dabei werde die Qualität vernachlässigt. Ähnlich äußerte sich SPD-Gesundheitsexperte Klaus Kirschner. Er verwies auf die vor acht Monaten in Kraft getretene Gesundheitsreform 2000. Diese sehe vor, das ein Expertengremium jedes Jahr für zehn große Krankheiten Leitlinien für die Behandlung erarbeite.

Lauterbach mahnte nationale Gesundheitsprogramme an, um die Gesundheitskosten trotz der wachsenden Zahl älterer Menschen möglichst niedrig zu halten. Die 65- bis 85-jährigen müssten künftig sehr viel gesünder sein als heute, sonst sei das deutsche Gesundheitssystem nicht mehr finanzierbar. Viele Volkskrankheiten ließen sich durch Vorbeugung verhindern oder verzögern, wenn Risikofaktoren wie Rauchen, falsche Ernährung oder Bewegungsmangel abgestellt würden. Vorbeugung sei sehr viel wirksamer als spätere Therapien, mahnte Lauterbach.

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