Nationalelf trauert historischer WM-Chance nach
Applaudieren verboten

Auch nach der finalen Niederlage blieb die DFB-Elf auf einer Wellenlänge. Es gab keine Schuldzuweisungen, schon gar nicht an Torhüter Oliver Kahn. Und doch wurden - wie so häufig, wenn Bilanz gezogen wird - die Konjunktive bemüht.

YOKOHAMA. Yokohamas Sheraton Hotel sollte nicht zum Hort der Freude werden. Es war die Herberge der Verlierermannschaft, der deutschen Nationalspieler. Doch trotz der 0:2-Niederlage im WM-Endspiel gegen Brasilien hätten die Angestellten den prominenten Gästen gerne zum Erreichten gratuliert. Da die Fifa und das japanische Organisationskomitee jedoch strikte Zurückhaltung verordnet hatten, blieb alles ruhig.

Auch später im kleinen Kreis war der deutschen Delegation zunächst nicht nach Partystimmung zumute. Jedem war bewusst, welch historische Chance dieser Abend im japanischen Regen geboten hatte. Manch einer trauerte dem Freistoß von Oliver Neuville nach, der von Brasiliens Keeper Marcos in der 48. Minute an den Pfosten gelenkt wurde. Wie wäre das Spiel gelaufen, wenn der Ball den Weg ins Tor gefunden hätte? "Wir hätten gewonnen", glaubte Christoph Metzelder. Konjunktive gehören seit jeher zum Fußball wie das Abseits. Wenn Oliver Kahn nicht so famos gehalten hätte in den ersten sechs Spielen, wäre Deutschland nie ins Finale eingezogen. Wenn derselbe Spieler nicht in Minute 67 gepatzt hätte, wäre er womöglich nicht zum tragischen, sondern zum strahlenden Helden geworden. Wenn er sich zuvor nicht an der Hand verletzt hätte, wäre der Fehler vielleicht gar nicht passiert. Hätte. Wenn. Aber. So ist das immer, wenn Bilanz gezogen wird.

Auch nach der Finalniederlage auf einer Wellenlänge

"Wir haben ihm alle gesagt, dass er den Kopf nicht hängen lassen soll und er ein großartiger Torwart ist", berichtete Miroslav Klose. "Ist überhaupt nicht tragisch. Tragisch war eher, dass wir zum ersten Mal bei der WM ohne Tor geblieben sind", befand Bernd Schneider. Die Aussagen ähnelten sich, auch nach der einzigen Schlappe in Japan und Südkorea blieb das Team auf einer Wellenlänge.

Für Teamchef Rudi Völler war es keine Frage, den verdienten Sieg der Brasilianer anzuerkennen. "Jeder Spieler hat enorme individuelle Fähigkeiten, das ist absolut gehobene Weltklasse", lobte der 42-Jährige den Gegner. "Mit unserem Abschneiden können wir dennoch zufrieden sein, besonders unter den gegebenen Umständen."

In vier Jahren wird die Erwartungshaltung allerdings eine andere sein, dann tritt Deutschland als Gastgeber auf und zählt automatisch zum Favoritenkreis. Dann dürfte auch Matchwinner Ronaldo wieder dabei sein, der sich nach dem Abpfiff wie bei einer Oscar-Verleihung gebärdete: "Ich danke meiner Familie für die Unterstützung nach meinen Verletzungen. Ich danke auch meinen Mannschaftskameraden. Ich bin unheimlich glücklich, dass ich diesen Moment erleben darf."

Japanischer ÖPNV als Hort der Freude

Dachten wohl auch die brasilianischen Anhänger, die noch weit nach Mitternacht die U-Bahn-Station Shin-Yokohama belagerten. Es roch wie samstags im Dortmunder oder Gelsenkirchener Hauptbahnhof, wenn der BVB oder Schalke ihre Bundesliga-Spiele absolvieren. Doch nicht nur wegen der intensiven Alkoholfahne rümpften die japanischen Ordnungshüter die Nase, Fans der Samba-Kategorie sind ihnen offenbar nicht geheuer.

Vor allem jener brasilianische Zeitgenosse nicht, der als Blondine verkleidet mit einem gelb-grünen Glitzerkleid und einem mächtigen unechten Dekolletee durch die Waggons flanierte. Die Fußball-Karnevalisten aus Südamerika waren in bester Stimmung. Hier also, im japanischen ÖPNV, war der Hort der Freude.

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