Nationalisten drohen Widerstand an
Für die Araber zerplatzen viele Träume

Mahmoud ist fassungslos. Der 33-jährige Jordanier sitzt in seinem kleinen Lebensmittelgeschäft im Ammaner Stadtteil Abdoun und rauft sich die Haare: "Wo sind die irakischen Soldaten, die Republikanischen Garden, die Geheimdienste, die Fedajiin Saddam?", fragt er verzweifelt. "Warum kämpfen sie nicht?"

AMMAN/KAIRO. Der schnelle Zerfall der Machtstrukturen in Bagdad hat in den arabischen Staaten Entsetzen und Unglauben ausgelöst. Viele Araber konnten es nicht fassen, dass sich der Widerstand irakischer Truppen praktisch in Nichts auflöste. Mahmoud hat seit drei Wochen Fernsehen geschaut. Der anfängliche Widerstand im Süden hat ihn stolz gemacht, dass Araber sich eine Invasion nicht einfach gefallen lassen. Die Bilder aus Bagdad haben ihn völlig unvorbereitet getroffen: "Am Dienstagabend noch hat Informationsminister Mohammed el Sahhaf Widerstand versprochen, nun ist er verschwunden."

Ihm geht es nicht allein so. "Niemand kann El Dschasira jetzt mehr Glauben schenken", sagt ein ägyptischer Regierungsangestellter deprimiert. Der in den arabischen Staaten meistgesehene Fernsehsender hatte über Wochen bei vielen Zuschauern den Eindruck erweckt, als könne die irakische Armee die Koalitionstruppen noch zurückschlagen.

Jetzt, wo die für viele Araber bittere Wahrheit nicht mehr zu verschleiern ist, richten sich bange Blicke in die Region. "Wer mag der Nächste sein?" fragt man sich in den Kaffeehäusern. Mahmoud hat den richtigen Riecher. "Diese Demütigung betrifft ja nicht nur den Irak, sondern alle Araber." Als nächstes sei dann Syrien und vielleicht auch Jordanien dran, glaubt er.

Solche Befürchtungen werden auch von Politikern geteilt. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Moussa, sagte dem Fernsehsender CNN gestern: "Sie kennen die Dominotheorie. In der arabischen Welt herrscht eine große Spannung." Für die hatte auch US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gesorgt. Zum zweiten Mal binnen weniger Wochen richtete er schwere Vorwürfe gegen Syrien und gab damit Diskussionen über einen steigenden Druck auf den Nachbarstaat des Iraks neue Nahrung.

In dieser Situation halten es die meisten arabischen Politiker für ratsamer, sich mit öffentlichen Äußerungen zurückzuhalten. "Die Araber warten erst einmal ab, bevor sie irgendwelche Verlautbarungen zu den Entwicklungen im Irak machen", sagte Mohamed el Sayed Said, Vizedirektor des Al Ahram Zentrums für Politische und Strategische Studien in Kairo. "Die allgemeine Tendenz wird sein, die globalen und regionalen Entwicklungen auszumanövrieren." Said rechnet daher nicht mit einer durch den Zerfall des Regimes in Bagdad ausgelösten Reformwelle in der arabischen Welt. "Eine Veränderung der Grundwerte steht nicht auf der Agenda."

Tarek el Absi, jemenitischer Universitätsprofessor, ist da hoffnungsvoller. Er unterstreicht die Notwendigkeit für demokratische Reformen: "Dies ist eine klare Botschaft für alle arabischen Regime und könnte den Auftakt für eine grundlegende Transformation in der Region bilden", sagt er.

In Kairo und andernorts werden solche Überlegungen noch als verfrüht betrachtet, denn der Krieg sei längst noch nicht vorbei. "Die Iraker sind ein stolzes und vor allem nationalistisches Volk. Sollten sie erkennen, dass ihr Land wie eine Kolonie behandelt wird, dann werden sie wieder zu den Waffen greifen und dieses Mal effektiver als unter dem alten Regime", sagt Politikwissenschaftler Said. Die Damaskus nahe stehende libanesische Tageszeitung "Ad-Diyar" urteilt ähnlich. "Wir kämpfen jetzt gegen die Besatzer", schreibt der Nationalist Talal Salam. In der jordanischen Wochenzeitung "The Star" ist der Ton resigniert: "Für Millionen Araber war Bagdad das Symbol für Stolz, Widerstand und eine gemeinsame Identität. Das Symbol ist gefallen und hat Hoffnungen und Träume begraben."

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