Nationalspieler teilweise lustlos
Finstere Momentaufnahme in Wales

Wenn Kicker-Redakteure nach Gesprächen mit Oliver Kahn oder anderen Fußballprofis verlangen, bekommen sie diese in der Regel auch. Nach dem Länderspiel zwischen Wales und Deutschland jedoch verhallten die "Oliver"-Rufe ungehört, der Nationalkeeper ließ die Journalisten des Fachmagazins leer ausgehen.

CARDIFF. Diese hatten dummerweise die rechte Seite der so genannten Mixed-Zone belegt, Kahn gab seine Statements aber nur links, hatte dann schnell genug und verschwand im Mannschaftsbus.

Die Stimmung des Kapitäns war miserabel, die 0:1-Niederlage und die leidenschaftslose Leistung hatten aufs Gemüt geschlagen. Die DFB-Presseabteilung musste dem Torwart schon gut zureden, damit er überhaupt noch etwas zu den Medien sagte. Kahns Worte klangen freilich wenig überzeugend, wenn er behauptete: "Das Spiel interessiert mich jetzt schon nicht mehr, das alles war nur eine Momentaufnahme." Der Routinier beugte den negativen Schlagzeilen schon mal vor: "Dem Blödsinn, der nun wieder verzapft wird, will ich mich nicht anschließen."

Keine Frage, das Reizklima im Kreise der DFB-Auswahl hat kurz vor der WM schlagartig eine Dimension erreicht, über deren gute oder weniger gute Folgen spekuliert werden darf. Wer zum Beispiel Christian Zieges dunklen Blick unter kahl geschorenem Haupt sah, kann sich schwerlich vorstellen, dass alles in bester Ordnung ist im Kader. Er wurde gefragt, wie denn all das Schlappe und Schlichte, über 90 Minuten dargeboten von der Nationalelf, zu erklären sei. Da verfinsterte sich das Gesicht, es nahm fast schon bedrohliche Züge an: "Da muss ich nichts erklären. Kann ich ja besser morgen in den Zeitungen nachlesen."

Vielleicht nicht die schlechteste Lösung, falls sich die Akteure langsam ins Gewissen rufen, dass bald eine Weltmeisterschaft vor der Tür steht und es doch eigentlich ganz schön wäre, wenn man da einen Stammplatz hätte. Warum aber kaum einer der Aufgebotenen den Eindruck erweckte, an einem solchen interessiert zu sein, sollte dem Teamchef schwer zu denken geben. "Der Begriff ,Freundschaftsspiel? ist von der Mannschaft überstrapaziert worden, besonders in der ersten Halbzeit", analysierte Rudi Völler. ARD-Kommentator Günter Netzer wurde deutlicher und konstatierte, dass sich Völler "für eine Mannschaft verschleißt, die ihm die Gefolgschaft verweigert". Es könne nicht richtig sein, wenn sich der Ex-Torjäger immer und überall als Verteidiger dieses Teams versuche anstatt Klartext zu reden. Konfrontiert mit dieser Aussage, fiel es dem Teamchef sichtlich schwer, wie üblich auf dem Weg des geringsten Widerstandes zu bleiben. Er wolle nichts "schön reden", sagte er. Und: "Der Günter muss sich keine Sorgen machen." Einen Tag später klang Völler schon kämpferischer: "Ich werde mir nicht wie meine Vorgänger alles gefallen lassen", sagte er in Anspielung auf den bei der EM 2000 grandios gescheiterten Erich Ribbeck.

Unter dem Dach des riesigen Millenium-Stadions hatte sich die Nationalelf lange Zeit als handzahmer Tiger präsentiert. "Das war nichts. Keine Bewegung, kein Kampf", meinte Liga-Chef Werner Hackmann als Augenzeuge der müden Vorstellung. Die deutschen Defensivstrategen Metzelder, Linke, Heinrich und Ziege entpuppten sich als nur minder interessierte Zuschauer, als Robert Earnshaw Sekunden nach Wiederanpfiff das Tor des Abends erzielte. Der 21-Jährige, der sein erstes Länderspiel bestritt, spielt bislang übrigens für den FC Cardiff in der dritten Liga. "Seinem Marktwert hat er eine oder zwei Nullen hinzugefügt", befand die walisische Zeitung "The Western Mail" am Mittwoch.

"Vor dem Spiel wussten die Deutschen nichts mit seinem Namen anzufangen. Jetzt schon", kommentierte Mark Hughes als Coach der Gastgeber, die zweimal bei späten Pfostenschüssen von Marco Bode und Carsten Jancker Glück hatten. Letzterer fiel erneut vornehmlich durch Unbeherrschtheiten auf, ebenso wie Gerald Asamoah und Sebastian Kehl. Ein Verhalten, das nicht gerade darauf schließen lässt, dass die Herren Nationalspieler zufrieden nach Asien fliegen.

Zuvor heißt der letzte Testgegner aber noch Österreich. "Die hauen wir weg", prophezeit Oliver Kahn für das Spiel am Samstag in Leverkusen. Wäre ja zu schön für den deutschen Fußball - und für die Kicker-Redakteure.

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