Negativtrend setzt sich fort: US-Anleger steigen aus Aktienfonds aus

Negativtrend setzt sich fort
US-Anleger steigen aus Aktienfonds aus

Seit über einem Jahr ziehen US-Anleger im Schnitt mehr Geld aus Aktienfonds ab, als sie einzahlen. Der jahrzehntelange Siegeszug der Aktie droht damit ins Stocken zu geraten. Nun hoffen einige Experten auf eine Trendwende. Andere warnen jedoch vor neuen Verkaufswellen, wenn die Kurse weiter nachgeben.

NEW YORK. Drei Jahre fallende Kurse sind genug, denken sich offenbar Amerikas Aktienfondsbesitzer - und ziehen die Notbremse. Die US-amerikanischen Aktienfonds jedenfalls verzeichnen in den vergangenen Monaten einen drastischen Kapitalabfluss. Allein im Februar zogen Anleger netto 10,6 Mrd. US-Dollar ab, meldet die Investmentbank Merrill Lynch, und Merrill-Analystin Sarah Franks schätzt, dass die Fonds auch im März und im laufenden Monat mehr Gelder auszahlen als von Kunden neu eingezahlt werden.

Diese Entwicklung ist neu für Aktienmarkt und Fondsbranche, denn damit verfestigt sich der Trend, der der Fondsbranche erstmals seit 1988 auch im Gesamtjahr 2002 ein Minus bei der Bilanz der Mittelzu- und-abflüsse beschert hat. Bis dahin sorgte der stetige Zustrom frischen Geldes für steigende Kurse an den Börsen und zufriedene Mienen bei den Fondsverwaltern. Doch nun droht der lange Siegeszug der Aktie ins Stocken zu geraten - und das womöglich für lange.

Noch allerdings hofft eine Reihe von Experten darauf, dass die Investoren wieder frischen Mut schöpfen und kaufen. Das könnte passieren, wenn die Anleihenkurse schwächeln, meint Tobias Levkovich, US-Chefstratege bei der Citigroup-Tochter Smith Barney. Denn viele Investoren sind von den Dividendenpapieren zu den scheinbar sicheren Anleihen gewechselt. Sollte sich jedoch die Hausse am Rentenmarkt als spekulative Blase entpuppen, könnten viele Anleger mit ihren Bondinvestments auf die Nase fallen und womöglich an die Aktienmärkte zurückkehren. "Schon eine kleine Änderung bei der Vermögensaufteilung könnte eine Rally an den Aktienmärkten auslösen", macht Levkovich Aktienfans Hoffnung.

Allerdings deutet momentan wenig auf ein schnelles Comeback der Aktie hin. Im Gegenteil: Nicht nur bei Publikumsfonds, auch bei privaten Altersvorsorgeplänen sieht Levkovich einen Trend weg von der Aktie. Dazu treten die meisten der von US-Firmen aufgelegten Pensionsfonds seit 1995 eher als Verkäufer denn als Käufer von Dividendenwerten auf, fügt der Smith- Barney-Experte hinzu.

Auf eine weitere Gefahr verweist Albert Edwards, Chef-Anlagestratege der Dresdner-Bank-Tochter Kleinwort Wasserstein: "Viele US-Investoren werden kapitulieren, wenn ihre angesammelten Kursgewinne komplett weggeschmolzen sind." Noch liegen diejenigen, die in den 90er-Jahren Aktienfonds gekauft haben, weitgehend im Plus. Merrill-Analystin Franks schätzt deren durchschnittlichen Einstiegskurs auf 770 Punkte im S&P-500-Index. Das bedeutet: Bei einem aktuellen Indexstand von rund 870 Punkten sitzt der typische US-Fondsanleger auf einem Kurspolster von etwas mehr als 11 %, ehe er in die roten Zahlen rutscht. Doch ein erneuter Börseneinbruch könnte auch diese letzte Reserve auffressen. Dann droht eine neue Verkaufswelle, so Edwards.

Er beruft sich dabei auf einschlägige Studien, in denen Psychologen einen starken Zusammenhang zwischen Anlageverhalten und persönlicher Gewinn- und Verlustposition nachgewiesen haben: So lange Investoren im Plus liegen, verhalten sie sich risikofreudiger und halten riskanten Anlageformen wie etwa Aktien beziehungsweise Aktienfonds die Stange. Doch sobald der Posten in die Verlustzone rutscht, steigen die meisten aus.

Der gleiche Effekt zeigt sich den Verhaltensforschern zufolge in Spielcasinos: Wer gewinnt, spielt häufig so lange weiter, bis er seine Zwischenerträge wieder verloren hat. Danach ziehen sich viele Spieler vom Roulettetisch zurück. "Spielen mit dem Geld des Hauses" ("playing with the house?s money"), heißt dieses Phänomen im Fachjargon der Psychologen. "Das ?Geld des Hauses? haben die US-Investoren bald aufgebraucht", warnt Dresdner-Experte Edwards. Und seine Kollegin Franks ergänzt: "Sobald der S&P-500-Index unter 800 Punkte fällt, geht es an die Substanz."

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