Nerven lagen blank
Völler rechnet mit Kritikern ab

Ein Hauch von Trappatoni herrschte am Samstag nach der "Nullnummer" der deutschen Fußball gegen Island. Teamchef Rudi Völler rechnete mit seinen Kritikern ab - in ähnlicher Form wie der italinische Coach damals beim FC Bayern.

HB. Rudi Völlers Wutausbruch nach der alarmierenden Nullnummer in Island macht das ohnehin brisante Duell mit Berti Vogts zur Zerreißprobe für den taumelnden Vize-Weltmeister. Am Morgen nach der ebenso überraschenden wie überzogenen Abrechnung mit seinen Kritikern hatte sich der Teamchef zumindest äußerlich wieder beruhigt: "Was soll ich noch sagen?", meinte er vor dem Rückflug des Charterfliegers nach Deutschland.

Mit seinem im ARD-Studio noch spontanen, später aber gezielt forcierten Rundumschlag gegen eine angeblich weit überzogene Erwartungshaltung schuf der DFB-Teamchef vor dem Spiel am Mittwoch gegen Schottland ein Reizklima und eine Drucksituation, wie sie vor einem Jahr ebenfalls in Dortmund im Alles-oder-nichts-Spiel um die WM-Teilnahme geherrscht hatte. "Da haben wir die Ukraine 4:1 weggehauen, das ist ein gutes Omen", meinte Kahn.

"Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören"

Die kritische Spielbewertung des ARD-Duos Gerhard Delling und Günter Netzer öffnete bei Völler wenige Minuten nach dem Abpfiff alle Ventile. "Ich sitze jetzt seit drei Jahren hier und muss mir den Schwachsinn immer anhören", legte der einstige Stürmerstar los. Der Teamchef, erzürnt über die Fehlleistung seiner Rumpftruppe in Island, redete sich in Rage, attackierte die von ihm als "Gurus" bezeichneten Fachkritiker Netzer, Franz Beckenbauer und Paul Breitner, vergriff sich dabei allerdings mehrfach in der Wortwahl. "Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören", zürnte Völler erregt vor einem Millionen-Publikum.

"Das hatte sich bei Rudi über Wochen aufgestaut und ist nun zum Ausbruch gekommen. Das ist menschlich. Der Gaul ist mit ihm durchgegangen, den muss er jetzt wieder einfangen", bewertete Beckenbauer am Sonntag im dpa-Gespräch verständnisvoll die Entgleisung Völlers: "Ich habe das auch einige Male als Teamchef gemacht, zum Beispiel bei der WM 1986 in Mexiko." Nach Ansicht des "Kaisers" könnte dies gegen Schottland zu einer Initialzündung führen. "Wenn die Mannschaft am Mittwoch nur halb so engagiert auftritt wie Völler, kann man einiges erwarten."

"Das ist mir das Ding nicht wert"

Völlers verbale Abrechnung gipfelte in einer Aussage, die in den Katakomben des isländischen Nationalstadions spontan als indirekte Rücktrittsdrohung aufgefasst worden war. "Ich bin nicht so wie der Erich Ribbeck oder der Berti Vogts, die jahrelang an ihrem Stuhl festgeklebt haben, egal was Journalisten geschrieben oder im Fersehen gesagt haben. Das ist mir das Ding nicht wert", polterte Völler. Später stellte er klar, dass dies nicht in dieser Form gemeint war. Völler hat vielmehr alle Aufmerksamkeit auf sich selbst gelenkt, um seiner einmal mehr desolat auftretenden Mannschaft ein wenig Luft zu verschaffen. Denn auch die Spieler reagieren auf Negativschlagzeilen immer gereizter. "Ich kann das alles nicht mehr hören. Immer nur negativ - mir wird schon schlecht", ereiferte sich Kahn ähnlich wie Völler.

Angesichts der Kritik sprach er von "Mist" oder "Käse", den er sich nicht mehr bieten lasse. Auch Netzer bekam sein Fett weg, der habe in seiner aktiven Zeit auch "einen Scheiß gespielt", da habe man doch überhaupt nicht hingehen können, "die haben doch früher Standfußball gespielt". Seinen Interview-Partner Waldemar Hartmann attackierte der echauffierte Völler ebenfalls, warf ihm vor, dass er drei Weizenbier getrunken habe und nur deswegen so locker sei. Später nahm Völler diesen Vorwurf wieder zurück, beharrte aber auf seinen anderen Aussagen.

Die Medienschelte konnte aber nicht überdecken, dass auch intern das Gefüge auseinander driftet. "Das müssen wir noch besprechen", sagte Abwehrspieler Christian Wörns, der als Einziger höheren Ansprüchen genügte und mit zwei Rettungaktionen auf der Linie in der 56. Minute wenigstens das Minimalergebnis sicherte.

Für Völler war der eine Zähler, mit dem die deutsche Elf (12 Punkte) bei noch zwei ausstehenden Heimspielen gegen Schottland (11) und Tabellenführer Island (13) die Direkt-Qualifikation für Portugal 2004 weiter in der eigenen Hand hält, trotz harter Kritik auch am eigenen Team ein Erfolg. "Ich bin fest davon überzeugt, dass es in Europa ganz, ganz viele Trainer gibt, die mit mir gern tauschen würden", betonte der Teamchef.

Ohne unersetzliche Leistungsträger wie Hamann, Nowotny, Metzelder, Frings oder den kurzfristig ausgefallenen Jeremies, dafür aber mit Verlegenheitslösungen wie Frank Baumann oder Christian Rahn und Michael Hartmann auf der linken Problemseite, ist für den Teamchef eine deutsche Elf gegen Gegner vom Kaliber der Isländer nicht mehr automatisch auf Sieg aboniert: "Es kann doch Keiner verlangen, dass wir hier her fahren und die Isländer 5:0 weg putzen."

Trotzdem verlangt auch Völler schon gegen Schottland mehr. "Wir müssen gewinnen, das ist das absolute Topspiel. Da müssen dann die Spieler auflaufen, die mir garantieren, dass sie sich wirklich den Hintern aufreißen." Auch der Kapitän will intern Tacheles reden ("Wir werden die Kräfte bündeln") und glaubt zudem, dass ein Tor den nötigen Befreiungsschlag bringen würde. Kahns Stellvertreter Michael Ballack, der gegen energiegeladene Isländer erfolglos um Ordnung im deutschen Spiel bemüht war, wirkte dagegen sehr nachdenklich. "Die Harmonie hat gefehlt zwischen Mittelfeld und Sturm. Dass bis Mittwoch abzustellen, wird schwer", sagte der Münchner pessimistisch.

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