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Nervenkrieg im russischen Geiseldrama

Das Geiseldrama in einer Schule im Nordkaukasus hält Russland und die Welt weiter in Atem. Im Nervenkrieg zeichnete sich bis zum späten Donnerstagabend (Ortszeit) weiter keine Lösung ab. Einen Lichtblick gab es am Nachmittag mit der Freilassung von 26 Frauen und Kleinkindern.

dpa BESLAN. Das Geiseldrama in einer Schule im Nordkaukasus hält Russland und die Welt weiter in Atem. Im Nervenkrieg zeichnete sich bis zum späten Donnerstagabend (Ortszeit) weiter keine Lösung ab. Einen Lichtblick gab es am Nachmittag mit der Freilassung von 26 Frauen und Kleinkindern.

Damit blieben immer noch 328 Kinder, Eltern und Lehrer in einer Schulturnhalle der Stadt Beslan in der Gewalt der rund zwei Dutzend Terroristen. Bei nur wenigen offiziellen Informationen wurde nicht klar, worüber mit den Geiselnehmern verhandelt wurde. Am Donnerstag hielt ein Kinderarzt, der von den Terroristen als Vermittler akzeptiert worden war, telefonischen Kontakt mit ihnen.

Präsident Wladimir Putin erklärte den Schutz des Lebens der Opfer zum höchsten Ziel. Die Terroraktion in der nordossetischen Stadt drohe, das zerbrechliche Gleichgewicht in der Vielvölkerregion Nordkaukasus zu zerstören.

Unter den Terroristen sind nach offizieller Darstellung neben Tschetschenen auch Angehörige anderer Kaukasus-Völker. "Zur Gruppe gehören Osseten, Inguschen, Tschetschenen und Russen", sagte der Innenminister Nord-Ossetiens, Kasbek Dsantijew. Angeblich verlangen die Terroristen den Abzug russischer Truppen aus Tschetschenien sowie die Freilassung von inhaftierten Gesinnungsgenossen. Das Angebot freien Abzugs nach Tschetschenien oder in die Nachbarrepublik Inguschetien soll das Kommando abgelehnt haben. Nord-Ossetiens Präsident Alexander Dsasochow deutete an, dass sich "neue, bedeutende Personen" an den Verhandlungen beteiligen wollten.

Auch am zweiten Tag der Geiselnahme durften die Opfer nach offiziellen Angaben nicht mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden. "Ich habe eben mit ihnen verhandelt, aber sie haben leider erneut die Versorgung der Geiseln mit Essen, Trinken und Medikamenten abgelehnt", sagte am Abend der in Russland bekannte Kinderarzt Leonid Roschal.

Überraschend hatten die Terroristen am Nachmittag 26 Geiseln freigelassen. Die zehn Frauen und 16 Kleinkinder konnten bereits am Abend, nach eingehender medizinischer Untersuchung und einer Vernehmung durch die Sicherheitskräfte, nach Hause gehen. Die Frauen beschrieben den Gesundheitszustand der zurückgebliebenen Geiseln als "zufrieden stellend". "Natürlich haben sie auch berichtet, dass die Lage (im Turnsaal) sehr angespannt ist", sagte Lew Dsugajew, Sprecher des nordossetischen Präsidenten. Von den noch als Geiseln gehaltenen Schulkindern sei niemand verletzt.

Dutzende Angehörige warteten in der Nähe des Gebäudes weiter auf Nachrichten. Einige hatten die ganze erste Nacht teils in strömendem Regen dort verbracht. Die russischen Sicherheitskräfte hielten das Gelände weiterhin weiträumig abgeriegelt. Trotz einiger Militärbewegungen in der Sicherheitszone waren nach Meinung von Augenzeugen vorerst keine Anzeichen für einen Einsatz erkennbar.

Bundeskanzler Gerhard Schröder bot Putin ein "Fliegendes Lazarett" der Bundeswehr für einen möglichen Anti-Terror-Einsatz. Gleichzeitig warb er um Verständnis für das russische Vorgehen im Kampf gegen den Terrorismus. Die französische Regierung sprach sich für eine politische Lösung des Tschetschenienkonflikts aus, betonte aber, die Geiselnahme sei mit keinem politischen Ziel zu rechtfertigen.

In Moskau wurden unterdessen als direkte Folge der Ereignisse im Kaukasus alle für das Wochenende geplanten Feierlichkeiten zum 857. Stadtgeburtstag abgesagt. In der bereits festlich geschmückten Metropole wurden auf Weisung von Bürgermeister Juri Luschkow alle "Veranstaltungen mit Vergnügungscharakter" gestrichen.

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