Nervöse Investoren
Energie-Krise an der Wall Street

Tragischer Wochenauftakt an der Wall Street: Der Finanzchef des Energiekonzerns El Paso hat offenbar Selbstmord begangen. Die Nachricht ließ die Aktie innerhalb von wenigen Minuten um fast ein Viertel ihres Wertes einbrechen. Sie traf - selbst wenn persönliche Gründe den Ausschlag gaben - den Nerv der Investoren, die einen zweiten Enronskandal fürchten.

wsc NEW YORK. Bei El Paso - wie bei Hunderten von Unternehmen der Branche - erschienen in der vergangenen Woche Vertreter der staatlichen Regulierungsbehörde und forderten Einsicht in die Bücher. Ziel der Ermittler: Sie wollen klären, ob die Energiehändler in sogenannten "round-trip-trades" identische Mengen an Energie lediglich untereinander ausgetauscht haben, um künstlich ihren Umsatz aufzublähen. Auf der Liste der Unternehmen mit fragwürdigen Handelspraktiken stehen neben dem Erdgas-Spezialisten El Paso auch Williams CMS Energy und Dynegy. Chuck Watson, der Vorstand von Dynegy, ist am Dienstag vergangener Woche zurückgetreten. Wenige Tage zuvor hatte William McCormick, Chef von CMS Energy, sein Amt abgegeben. Auch in anderen Chefetagen der Branche dreht sich das Personalkarussell immer schneller.

Es ist der Fall-out nach einem spektakulären Boom. Das Volumen des Energiehandels erreichte in den USA im vergangenen Jahr 446 Mrd. $. Im Jahr 2000 waren es 217 Mrd. $ gewesen, 1999 rund 143 Mrd. $. Nun besteht der Verdacht, dass ein Teil der beachtlichen Zuwachsraten auf profitlose Tauschgeschäfte zurückzuführen ist. Der Imageschaden und die schrumpfende Nachfrage hat dem jungen Geschäftszweig ein Minus von 70 % eingebracht.

Der Handel mit Elektrizität und Gas galt als Stromstoß für einen bis dahin eher konservativ geltenden Sektor. Durch das "energy trading" wurde die Investition in solche Aktien auch für wachstumsorientierte Anleger attraktiv. Das war vor allem ein Verdienst von Enron. Die Texaner nutzten die Deregulierung des Marktes Mitte der 90er Jahre und bauten ein eigenes Geschäftsmodell darauf auf. Doch im Herbst vergangenen Jahres brach der Konzern zusammen. Nach wie vor bemühen sich Richter, Fahnder und Politiker die Teile des Puzzles zu ordnen. Viele Buchungen stellten sich als Luftnummern heraus. Bei wievielen Abschlüssen es nicht mit rechten Dingen zuging, ist unklar.

Von der Energiekrise in Kalifornien, die ganze Industrien wochenweise lahmlegte und Metropolen das Licht ausknipste, profitierten Enron und die Nachahmer prächtig. Auch hier ermitteln inzwischen die Aufsichtsbehörden wegen unzulässiger Preistreiberei.

Jüngste Meldung: Jones Murphy, ein entlassener Mitarbeiter der Handelsabteilung bei Williams vertraute einem New York Times Reporter am Wochenende Internas an. Das Unternehmen habe absichtlich die Preise nach oben getrieben. Er behauptete, Blake Herndon, verantwortlich für das Risikomanagement bei Williams, habe während der Krise in Kalifornien gesagt, das Unternehmen werde "den Markt für Erdgas in die Ecke treiben und die Preise hochlaufen lassen." Das Dementi von Williams am Montag, das Ganze sei "lächerlich" und völlig haltlos, beruhigte die Anleger kaum. Die Aktie sackte um satte 20 % ab.

Eine weitere Drohung heizt den Energiekonzernen ein. Die Kreditrating-Agenturen nehmen die Bilanzen unter die Lupe. Schon im Dezember hat Moody´s den Händler Mirant Corp. auf "Junk"-Status herabgestuft. Möglicherweise folgen bald Dynegy, Aquila und Williams. Die Unternehmen versuchen dem Downgrading zuvorzukommen. Williams hat vergangene Woche angekündigt, Wertpapiere in Höhe von 1,5 Mrd. $ im nächsten Jahr und Vermögenswerte im Wert von 3 Mrd. $ in den kommenden drei Jahren zu verkaufen, um die Bilanz wieder aufzupolieren. Auch El Paso will den Schuldenberg abbauen und verkauft Aktien im Wert von 1,5 Mrd. $.

Für die Energiehändler ist die Kreditwürdigkeit besonders wichtig. Bei einer Herabstufung müssen die Händler mehr für die Kredite bezahlen, mit denen sie ihre Deals absichern.

Schon beginnt der Exodus aus der einst so gelobten Sparte: Von den erst im vergangenen Jahr angeheuerten 500 Tradern entlässt El Paso auf einen Schlag 300. Auch Reliant fährt sein Engagement zurück. "Wir nehmen eine Auszeit, was spekulative Deals angeht", kündigt Reliant-CEO Steve Letbetter an. Seine Händler sollen sich auf das Geschäft mit Energie konzentrieren, die im eigenen Hause produziert wird.

Im Gegensatz zum gescheiterten Enron-Modell verfügen die meisten überlebenden Unternehmen über eigene Kraftwerke und Pipelines. Doch der Rückzug auf das Kerngeschäft lässt keine rechte Freude aufkommen: Denn die weiterhin schwache Wirtschaftsentwicklung dämpft die Nachfrage und vor allem die Preise.

Die Analysten sind entsprechend auf Distanz zu den einstigen Lieblingen der Wall Street gegangen. "Wir sehen kurzfristig kein günstiges Risiko/Preis-Verhältnis", heißt es aus der zuständigen Research-Abteilung bei Goldman Sachs. Sogar "äußerste Vorsicht" sei bei den Energiehändlern angebracht, so der Warnhinweis von Prudential Securities.

Für die Zukunft sehen Marktbeobachter eine Konsolidierung der noch jungen Sparte. Thomas Boren, Chef der Handelsabteilung beim kalifornischen Versorger PG&E, rät zur Gelassenheit: "Jede Ware durchläuft einen Zyklus, und dieser Sektor ist noch in einem embryonalen Stadium."

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