Nervöse Stimmung an den Märkten
Analysten: Kursverluste bei Commerzbank-Aktie überzogen

Die deutlichen Kursverluste bei deutschen Finanztiteln in den vergangenen Tagen sind nach Einschätzung von Analysten und Fondsmanagern übertrieben und ein Zeichen für die insgesamt sehr nervöse Marktstimmung.

Reuters FRANKFURT/M. Andauernde Spekulationen über Liquiditätsprobleme und mögliche Verluste im Handel mit Kreditderivaten belasten etwa die Commerzbank - ungeachtet scharfer Dementis seitens der Bank - weiter und haben den Aktienkurs am Montag zeitweise um weitere knapp zehn Prozent auf 5,50 Euro gedrückt. Bis zum frühen Nachmittag machten die Commerzbank-Papiere einen Teil ihrer Verluste wieder wett, lagen aber noch mit gut drei Prozent im Minus. HypoVereinsbank-Titel notierten knapp vier Prozent schwächer bei rund 12,30 Euro, während die Aktien der Deutschen Bank um 3,7 Prozent auf 40,20 Euro nachgaben.

Mittlerweile halten viele Experten diese Talfahrt jedoch für überzogen. "Wir sind an dem Punkt angekommen, an dem die Kursverluste der europäischen Banken exzessiv sind, dies gilt vor allem für die Commerzbank", sagte Dirk Bartsch, Fondsmanager beim DIT. Im Falle der Commerzbank gebe der Aktienkurs der Bank den Unternehmenswert nicht mehr angemessen wider.

Die Commerzbank bekräftigte, es gebe weder Liquiditätsprobleme noch Schwierigkeiten im Derivatehandel. Deshalb sei die Bank auch keinesfalls auf eine Kapitalspritze von außen angewiesen. "Wir haben unsere Probleme im Griff. Eine Kapitalerhöhung ist nicht nötig und auch nicht geplant", sagte ein Commerzbank-Sprecher.

Die Rating-Agentur Moody's erklärte, sie habe mögliche Verluste des Geldhauses im Investment- und Kreditbereich bereits berücksichtigt. Die Entscheidung vom 19. September, das mittelfristige Rating der Commerzbank auf A1 mit negativem Ausblick festzusetzen, beruhe auf generellen Herausforderungen für den deutschen Bankensektor. Moody's hatte auch den Ausblick für die Deutsche Bank und die HypoVereinsbank auf "negativ" revidiert.

Im Zuge des schwachen Geschäfts im Investmentbanking und sinkender Aktienkurse leiden die deutschen Banken wie ihre europäischen Konkurrenten auch unter einer Ertragsschwäche. Die steigende Zahl von Insolvenzen in Deutschland hat außerdem zu einer höheren Risikovorsorge im Kreditgeschäft geführt. Um möglichst schnell wieder profitabler zu werden, versuchen nun alle Institute, ihre Kosten drastisch zu senken und bauen dabei auch Zehntausende Arbeitsplätze ab.

Die Commerzbank hat nach Einschätzung von Analysten zwar Probleme, operativ nachhaltig schwarze Zahlen zu schreiben - eine Schieflage des Instituts erwarten sie aber nicht. Mit Blick auf die Kernkapitalquote von derzeit 6,5 Prozent und die zu erwartende Risikovorsorge von 1,3 Milliarden Euro für das Gesamtjahr "gibt es keinen Hinweis darauf, dass bei der Commerzbank Dramatisches geschieht", sagte etwa Bankanalyst Konrad Becker von Merck Finck in München.

Im zweiten Quartal verdiente die Bank vor Steuern 25 Millionen Euro nach 153 Millionen Euro in den ersten drei Monaten des Jahres. Bankchef Klaus-Peter Müller hat das operative Ergebnisziel von 700 bis 800 Millionen Euro für 2002 fallen gelassen und macht wegen der volatilen Märkte und schwankenden Ertragsentwicklung keine Prognosen mehr.

Jüngst hatte auch Bundesbankpräsident Ernst Welteke mehrfach betont, der deutsche Bankensektor befinde sich in einer schmerzlichen Anpassungsphase, die noch mehrere Jahre dauern könnte. Eine Bankenkrise sei darin jedoch nicht zu sehen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) nimmt den gesamten deutschen Bankensektor derzeit genau unter die Lupe, ohne dabei allerdings insbesondere auf die Commerzbank einzugehen. Die so genannte Eigenmittelquote der Bank liegt nach wie vor über der Grenze von 8,4 Prozent, ab der das Amt ein Institut auf eine "Beobachtungsliste" setzt.

Die Anleihekurse der deutschen Großbanken gaben am Montag zwar nach, ohne dass hier aber die Papiere von Deutschlands drittgrößter Geschäftsbank besonders stark litten. Der Renditeabstand (Spread) des Commerzbank-Euro-Bond mit Laufzeit Oktober 2010 zu der entsprechenden Bundesanleihe weitete sich am Vormittag nur um zwei auf 118 Basispunkte aus. Allerdings äußerten sich Händler vorsichtig zu den Spekulationen über die Liquiditätslage sowie den Derivatehandel bei der Commerzbank. "Es kann sein, dass das keine wesentliche Geschichte ist, wir wissen darüber noch nicht genug", sagte ein Händler einer US-Bank in London.

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