Neu Delhi will Streit mit USA verhindern
Indien bangt um seine Auslandsinvestoren

Für Indiens Außenminister Yashwant Sinha sind die Beziehungen zu den USA derzeit "so gut wie nie zuvor". Vor allem bei Sicherheitsfragen rücken beide Länder immer näher zusammen. Doch in den Wirtschaftsbeziehungen sorgt die Migration von Arbeitsplätzen für Reibungen.

HB NEU DELHI. Waren es zunächst nur Computercodier- und Call-Center-Jobs, zieht Indien inzwischen immer mehr hoch qualifizierte Arbeit aus dem Westen an. Banken verlegen Analysten nach Bombay. Und auch Anwälte, Architekten, Ärzte, Anlagenbauer, Rechnungsprüfer und Pharmaforscher profitieren von einem Zustrom von Aufträgen aus dem Westen, die sie zu einem Bruchteil der Kosten erledigen. "Kein Job in Amerika ist ein gottgegebenes Recht mehr", warnt Hewlett Packard-Chefin - Carly Fiorina angesichts des verschärften globalen Wettbewerbs. Das Outsourcing- Thema spielt auch im US-Präsidentenwahlkampf eine prominente Rolle. Kürzlich warnte sogar Fed-Chef Alan Greenspan vor der Versuchung, Arbeitsplätze mit Hilfe neuer Handelsbarrieren im Land zu halten. Denn in den USA wird zunehmend versucht, die Jobverlagerung mit Gesetzen zu bremsen.

Zum großen Unmut Indiens verknüpfen die USA die Verlagerung von Dienstleistungsjobs in Billiglohnländer außerdem mit der laufenden Doha-Runde. Beim Besuch in Neu Delhi ließ der US-Handelsbeauftragte Robert Zoellick keinen Zweifel daran, dass sein Land Outsourcing als Hebel benutzen will, um größeren Zugang zu Dienstleistungs- und Agrarmärkten in Ländern wie Indien zu erhalten. Eine weitere Öffnung dieser Branchen würde es den USA Zoellick zufolge erlauben, Gesetze gegen die Verlagerung bei Aufträgen der öffentlichen Hand wieder zu lockern.

Auch wenn Amerikas Abwehrreaktionen bislang das Geschäft indischer Offshore-Anbieter nicht spürbar behindern, treffen sie das Land an einem wunden Punkt. Denn es fürchtet um seinen größten wirtschaftlichen Stolz, die boomenden IT-Dienstleistungsexporte. Diese wuchsen im Vorjahr um 30 % auf 12 Mrd. $. Das Land hat sich den Löwenanteil eines globalen Offshore-Marktes gesichert, den McKinsey auf derzeit 35 Mrd. $ schätzt, der aber jährlich um 30 bis 40 % wachsen soll.

Premierminister Atal Behari Vajpayee findet die Haltung der USA deshalb "unfair". Er beschwert sich, Indien werde ständig ermahnt, seine Märkte weiter zu öffnen. Gleichzeitig sehe es sich dort, wo es selbst Wettbewerbsvorteile hat, mit protektionistischen Maßnahmen konfrontiert.

Keine offiziellen Gegenmaßnahmen in der EU

In der EU gibt es anders als in den USA keine offiziellen Bestrebungen, die Verlagerung zu erschweren. Die Kommission sieht die Verlagerung von Arbeitsplätzen als natürliche Folge der Globalisierung. Aber EU-Außenhandelskommissar Pascal Lamy vertritt in Neu Delhi ähnliche Forderungen wie die Amerikaner. Er warnte Indien jüngst vor der Gefahr einer Abwehrreaktion europäischer Gewerkschaften gegen Outsourcing, falls Indien im Gegenzug für gewonnene Jobs nicht Bereiche wie Telekommunikation, Einzelhandel oder Rechnungsprüfung und Anwaltsdienste stärker öffne und so Arbeitsplätze in Europa sichere. Branchenkenner erwarten, dass die volle Wucht der Offshorewelle Europa erst in ein paar Jahren erreicht.

Indische IT-Unternehmen wenden sich dem von ihnen noch weitgehend unerschlossenen Kontinent neuerdings aggressiv zu. Sie wollen ihre Abhängigkeit vom US-Markt mindern, der für zwei Drittel der indischen Dienstleistungsexporte aufkommt. "Wir müssen unsere Märkte diversifizieren", fordert IT-Minister Arun Shourie von der Branche, "Deutschland und Japan sind die beiden offensichtlichsten neuen Ziele." Auch China solle weiterhin in Betracht gezogen werden.

Quelle: Handelsblatt Nr. 058 vom 23.03.04 Seite 7

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