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Neu verteilte Karten

Die Mobilfunk-Flaute belastet auch die Smart-Card-Aktien. Wer die Krise übersteht, hat gute Aussichten.

Fast jeder Handy-Besitzer hat die Prozedur schon einmal durchgemacht: SIM-Karte aus der Halterung lösen, dabei bloß nicht die Oberfläche berühren, Handy-Klappe abnehmen, Karte vorsichtig einschieben, Klappe schließen. Das Gefummel ist umständlich, aber notwendig: Auf den klugen Karten (englisch "Smart Cards") sind alle Informationen gespeichert, die das Handy braucht, um den Kunden bei seinem Netzbetreiber anzumelden.

Die Hersteller der Smart Cards haben in der Vergangenheit kräftig an den Telefonplättchen verdient: Schließlich wurde mit jedem neuen Mobilfunkvertrag eine neue Karte benötigt. Doch wegen der Absatzflaute im Mobilfunk segeln sie jetzt ebenso kräftig in die Krise.

Der weltgrößte Anbieter von Chip-Karten, die Luxemburger Gemplus, warnte am 6. Juni bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr vor zurückgehenden Gewinnen. Einen Tag zuvor hatte die französische Oberthur Card Systems die Prognosen für das laufende Jahr zurückgenommen. "Die Smart-Card-Hersteller können sich nicht von der zurückgehenden Handy-Nachfrage abkoppeln", sagt Thomas Becker, der für HSBC Trinkaus & Burkhardt den Markt analysiert. "Andere Anwendungsbereiche der Karten gleichen das noch nicht aus, obwohl sie sich gut entwickeln."

Hoffnungen setzten Beobachter etwa auf den Einsatz von Smart Cards als elektronische Fahrscheine, die den Passagieren den lästigen Ticketkauf ersparen. Der Fahrpreis wird dann automatisch beim Einstieg von der Karte abgebucht. Allein in diesem Bereich erwartet der Branchenverband Eurosmart einen Anstieg der nachgefragten Karten von derzeit 32 Millionen Stück pro Jahr auf 210 Millionen Stück im Jahr 2005 (siehe Grafik). Andere wichtige Anwendungsgebiete sind etwa Kundenkarten im Einzelhandel oder Patientenkarten im Gesundheitsbereich. Besonders stark soll dabei das Wachstum bei hochwertigen Smart Cards ausfallen. Solche Produkte sind mit einem Prozessorchip ausgestattet, der nach vorgegebenen Kriterien entscheiden kann, ob und welche Informationen er einem Lesegerät zur Verfügung stellt. Der Chip ist außerdem in der Lage, Informationen zu verschlüsseln. Schließlich sollen etwa sensible Kontodaten nicht in falsche Hände gelangen.

Für Phantasie sorgt bei Experten auch das erwartete Wachstum außerhalb Europas. "Hier haben sich Smart Cards schon durchgesetzt, aber in den USA und Asien besteht Nachholbedarf. Ich erwarte eine sehr dynamische Entwicklung", sagt Ingo Wermann, Analyst bei der GZ-Bank. Neue Impulse in Europa könnten hingegen die von der Wirtschaft heiß ersehnte Einführung des neuen Mobilfunkstandards UMTS geben: Diese Technik benötigt neue, leistungsfähige SIM-Karten.

Gute Zukunftschancen, schwierige Gegenwart: Wie sollten sich Anleger verhalten, die vom Smart-Card-Trend profitieren wollen? Zunächst noch abwarten und dann auf die Großen der Branche setzen - so lautet zusammengefasst die Empfehlung vieler Analysten. So gilt etwa Mühlbauer als hervorragend geführtes Unternehmen, das aber noch hoch bewertet ist (siehe Kasten). Mühlbauer baut Maschinen, mit denen Smart Cards für alle Anwendungen produziert werden können.

Langfristig räumen Analysten auch dem Kartenhersteller Gemplus große Chancen ein. "Allein schon wegen seiner Größe hat das Unternehmen beste Möglichkeiten, am Wachstum des Marktes teilzuhaben", sagt GZ-Bank- Analyst Wermann. Voraussetzung ist allerdings, dass sich der Telekommunikationssektor erholt. Noch macht Gemplus rund 75 Prozent seines Umsatzes in diesem Bereich.

Doch auch Konkurrent Oberthur Card Systems findet Fürsprecher. "Im Vergleich der beiden Hersteller ist die aufstrebende Oberthur besser diversifiziert", schreibt das Analysehaus Performaxx in einer aktuellen Branchenstudie. Die Abhängigkeit vom Mobilfunk sei nicht so groß. Außerdem verfüge das Unternehmen über besondere Stärken im Bereich der wachstumsstarken Prozessorkarten. Gemessen am Umsatz ist Gemplus aber dreimal so groß wie Oberthur und außerdem international stärker vertreten.

Nummer zwei am Markt ist derzeit Schlumberger. Bei dem Großkonzern spielt das Smart-Card-Geschäft allerdings nur eine kleine Rolle. Viel wichtiger ist hier die Öl- und Gasförderung.

Auch bei der am Neuen Markt notierten ACG machen Smart Cards bisher nur einen kleineren Teil des Umsatzes aus. Da über 75 Prozent der Erlöse aus dem Handel mit Halbleitern resultieren, leidet das Unternehmen besonders unter der Gewinnwarnungswelle in der Chip-Branche. Die massiven Kurseinbrüche deuten darauf hin, dass es am Markt Zweifel gibt, ob das Unternehmen die aggressive Wachstumsstrategie unter diesen Vorzeichen beibehalten kann.

Die kleinen Gesellschaften am Neuen Markt wie OTI und Amatech gelten zwar als technologisch durchaus innovativ, als Investment gleichsam als extrem risikoreich. Besonders Amatech hat durch Managementfehler und Querelen im Vorstand das Vertrauen der meisten Investoren verspielt und kämpft um das Überleben. Das Familienunternehmen Winter gilt hingegen als solide, jedoch als zu klein, um international eine bedeutende Rolle zu spielen.

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