Neuartige Hörhilfe
Innovation: PC passt Hörgeräte an

Eine neue Technik ermöglicht die automatisierte Herstellung von Hörgeräten. Das dänische Unternehmen Widex ApS in Vaerloese bei Kopenhagen hat ein Camisha genanntes Verfahren entwickelt, mit dem die Hörhilfen computergesteuert produziert werden. "Damit wird die bislang übliche aufwendige Handarbeit überflüssig", sagt Werner Trefz, Geschäftsführer von Widex Deutschland.

DÜSSELDORF. Derzeit nimmt ein Hörakustiker einen Silikonabdruck des Organs und erstellt eine Form. Der Hörgerätehersteller verwendet diese, um das Gerät zu gießen und anschließend zu fräsen. Dabei sind laut Trefz häufig mehrfache Nachbesserungen notwendig. Die Widex-Technik greift zwar vorerst auch auf einen Silikonabdruck zurück. Dieser wird anschließend jedoch mit Hilfe eines Laser-Scanners und einer Kamera digitalisiert und in einen Computer übertragen. Die Informationen gehen per Mail an den Hersteller, wo die Schalen von einer Maschine gefertigt werden.

"Dabei können bis zu 500 individuell abgestimmte Hörgeräte gleichzeitig produziert werden", sagt Trefz. Am Computer können die Techniker auch die Bauteile - wie Mikrofon und Prozessor - virtuell einsetzen und kontrollieren, ob alles passt.

Mit der Camisha-Methode sei es möglich, das Gerät exakter an das Ohr anzupassen, sagt Trefz. Je genauer es sitze, desto besser ließen sich Geräusche verstärken. Ein weiterer Vorteil sei, dass Widex dank der gespeicherten Daten sofort eine Kopie der Schale herstellen könne, wenn das Gerät verloren geht oder beschädigt wird.

Bisher noch keine Erkenntnisse über den tatsächlichen Nutzen

Wie groß der Nutzen der neuen Technik für den Patienten tatsächlich ist, müsse sich erst noch zeigen, sagt Jürgen Kießling, Professor für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde an der Universitätsklinik Gießen. Derzeit lägen darüber noch keine Erkenntnisse vor, sagt Kießling, dessen Klinik am Kompetenzzentrum Hör-Tech beteiligt ist, einer gemeinsamen Initiative von Medizinern und Herstellern. Allerdings ist der HNO-Fachmann sicher, dass Widex "einen großen Fortschritt bei der Technologie" ermöglicht: "Das Verfahren ist präziser."

Widex konzentriert sich mit seinem Verfahren zunächst auf die Im-Ohr-Geräte. Sie kommen in der Regel bei leichter Schwerhörigkeit zum Einsatz und haben in Deutschland laut Trefz rund 30 % Anteil an den etwa 500 000 pro Jahr verkauften Hörgeräten. Der Widex-Geschäftsführer sieht jedoch ein größeres Potenzial für diese Geräte. Von rund zwölf Millionen Menschen mit Hörschäden sei in Deutschland gerade einmal jeder Sechste mit einer Hörhilfe versorgt. "Hörgeräte haben ein Stigma", sagt Trefz. "Deshalb gehen Betroffene nicht zum Arzt." In Ländern wie den Vereinigten Staaten sei das anders. Menschen mit Hörproblemen ließen sich dort viel früher behandeln.

Widex wird seine neue Technik im kommenden Monat auf einem Kongress in Nürnberg vorstellen. Im Frühjahr nächsten Jahres plant das Unternehmen den Start der neuen Produktionsmethode. Das patentierte Verfahren soll per Lizenz auch an Konkurrenten vermarktet werden. Derzeit steht Widex laut Werner Trefz in Verhandlungen mit dem deutschen Marktführer, der Siemens Audiologische Technik in Erlangen, und dem im schweizerischen Bubikon ansässigen Hersteller Phonak. Dabei geht es laut Hans Jürgen Meyer, bei Siemens verantwortlich für das Marketing im Bereich In-Ohr-Hörgeräte, jedoch um die Klärung von Patentrechten. Phonak und Siemens hätten eine vergleichbare Technik entwickelt und im April in den USA vorgestellt.

Widex plant inzwischen schon den nächsten Schritt: In drei bis vier Jahren soll der Gehörgang mit einem Laser-Scanner vermessen werden. Damit werde das Verfahren noch präziser, sagt Trefz. "Und außerdem entfällt für die Patienten der unangenehme Abdruck des Gehörgangs mit der Silikonmasse."

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