Neudeutsche Nüchternheit
Marsh on Monday

Er ist ein bescheidener Mann – und hat allen Grund, bescheiden zu sein.“ So die verniedlichenden Worte von Winston Churchill über Clement Attlee, seinen Nachkriegsnachfolger als britischer Premierminister. Auch die Deutschen haben es jetzt unter Angela Merkel mit einer Regierung zu tun, die sich in biederer Bescheidenheit übt.

Aus Sicht der Londoner City ist diese Gang- und Redensart wünschenswert – oder sogar beruhigend. Vorsichtiges Understatement ist das Merk(el)mal. „Ein bisschen stolz“ seien die Eltern auf sie, so zumindest „glaubt“ die Bundeskanzlerin. Finanzminister Steinbrück wirbt nicht mit flammenden Argumenten, sondern mit der Bekundung: „Ich will redlich sein.“ Ein Bruch mit dem Überschwang vergangener Jahre. Untertreibung bietet eine bessere Plattform für künftiges (bescheidenes) Wachstum als schrille Übertreibungen. Nach all den Enttäuschungen über die Wirtschaftsentwicklung entspricht die neue Nüchternheit der Realität der deutschen Lage. Sie kommt auch bei den internationalen Anlegern gut an.

Es gibt aus Deutschland positive wie auch negative Signale. Die Konjunktur nimmt an Fahrt zu, Shareholder Value ist in aller Munde, inländische Anleger melden sich an der Börse zurück, die Banken sind wieder flott.

Aber bitte gar keine Euphorie! Die inländische Kaufkraft bleibt verhalten, die Arbeitslosenzahlen sind viel zu hoch, die Rentenfinanzierung ist wackelig, die Perspektive eines Wachstumsschubs durch die Fußball-Weltmeisterschaft fragwürdig.

Die Dax-30 Konzerne gehen auf Einkaufstour in fremden Märkten, was die Börsianer zunächst einmal positiv stimmt. Aber wer weiß, ob solche Engagements nachhaltig zu einem Anstieg der Renditen führen? Die Lektionen des Schreckensbeispiels BMW-Rover sitzen besonders bei Wolfgang Reitzle, dem ehemaligen Rover-Chairman, jetzt als Linde-Chef für die Übernahme des englischen Gas-Konzerns BOC verantwortlich, tief in den Knochen. Auf Unternehmens- wie auf Regierungsebene vermeidet man aus gutem Grunde jegliches Übermaß. Der Dax-Index klettert zwar auf über 5 700 Punkte, vergessen werden aber darf nicht, dass er vor sechs Jahren bei 7 600 war. Deutsche Bäume wachsen nicht mehr in den Himmel.

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