Neue Analysten-Regeln
Kommentar: Wichtiger Schritt auf einem langen Weg

Bankgeschäfte sind Vertrauenssache. Das gilt auch für den Aktienkauf. Deshalb schaden die Skandale um Analysten, die wider besseres Wissendie windige Internetbuden hochjubelten, nicht nur dem Ruf der Banker. Sie gefährden auch ihre Existenzgrundlage.

HB DÜSSELDORF. Deshalb liegt es im ureigensten Interesse der Branche, erschüttertes Vertrauen wieder herzustellen. Ein Schritt hierzu sind die verschärften Verhaltensregeln, welche die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) heute vorlegt.

Der Kodex enthält durchaus Zündstoff. Dazu zählt die Auflage, dass Firmenkunden zumindest nicht mehr die Anlageurteile von Analysten vorab einsehen dürfen. Es mag erstaunlich klingen, aber genau das war bislang üblich. Nicht alle Unternehmen werden auf ihr traditionelles Recht - nein, natürlich nicht zur Zensur der Analysten, sondern zur "wohlwollende Prüfung" - einfach verzichten. Und in Zeiten, wo lukrative Mandate fürs Investmentbanking rar gesät sind, haben die Konzerne ein mächtiges Druckmittel: Sie könnten drohen, unliebsamen Banken Aufräge zu streichen.

Begrüßenswert ist auch das Ziel der DVFA, die Position des Analysten gegenüber seinem Arbeitgeber zu stärken. Denn bei ihrer Arbeit erhalten die Aktienexperten oft Druck aus dem eigenen Haus. Das gilt etwa für Investmentbanker und Händler, deren Geschäft von positiven Studien profitiert.

Als führender deutscher Branchenverband musste die DVFA allerdings abwägen. Auf der einen Seite stand das Interesse der Öffentlichkeit an möglichst konsequenter Kontrolle, auf der anderen Seite das Interesse der Mitglieder an schonender Regulierung. Kein Wunder also, dass die Ideen des Verbandes lange nicht so radikal ausfallen wie die Forderungen des New Yorker Staatsanwaltes Eliot Spitzer. Der will in den USA eine strikte Trennung der Analysesparten vom sonstigen Finanzgeschäft durchsetzen. Dies würde das bisherige Geschäftsmodell der Banken zerstören - und trifft daher auf heftigen Widerstand des Berufsverbandes. Andere sinnvolle Ziele formulierte die DVFA als weiche "Soll-Vorschriften". So sollen die DVFA-Mitglieder sich "bemühen", den Kodexinhalt in ihren Anstellungsvertrag aufzunehmen. Zwingen können sie ihre Arbeitgeber dazu nicht. Ein heikler Punkt ist auch die begrenzte Kraft verbandlicher Standesregeln. So beklagt die DVFA selbst, dass zwielichtige Analysten sich dem Kodex leicht entziehen können, indem sie den Verband verlassen oder gar nicht erst Mitglied werden.

Für die Sanktionierung des Kodex ist das DVFA-Ehrengericht zuständig. Dessen härteste Waffe ist der Verbandsausschluss. Damit wird deutlich, dass die Standesregeln gesetzliche Standards nie ersetzen können. Harte Richtlinien schaffen und kontrollieren kann nur der Gesetzgeber, zusammen mit den Aufsichtsbehörden, den Strafverfolungseinrichtungen und der Justiz. Hier hat das Vierte Finanzmarktförderungsgesetz Fortschritte gebracht. Trotzdem bleibt Interpretations- und Regelungsbedarf. Und ein wunder Punkt ist nach wie vor die viel zu langsame und oft ungenügende Verfolgung von Kapitalmarkt-Delikten.

Alles in allem ist der Verbandskodex nur einer von vielen notwendigenSchritten, um verlorenes Vertrauen der Investoren zurück zu gewinnen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Quelle: Handelsblatt

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