Neue Aufgaben, alter Sparkurs
Die deutsche Truppe im Stress

Für die Bundeswehr beginnt das neue Jahr so, wie das alte endet: im Stress. Es wird gekürzt und gestrichen, gespart und reformiert. Zudem gibt es neue Aufträge. 2003 wird neben diesen Lasten aber auch die Sorge um Krieg und Frieden im Irak andauern.

HB/dpa BERLIN. Deutsche Soldaten sollen an einem Angriff gegen das Land des Diktators Saddam Hussein zwar nicht "aktiv" beteiligt werden, versichert die Bundesregierung. Doch Soldaten machen sich Gedanken, ob Verwicklungen drohen könnten - etwa den in Kuwait stationierten ABC-Abwehrkräften mit den Spürpanzern oder den Marine-Soldaten am Horn von Afrika.

Die gravierendste Neuausrichtung der Bundeswehr ist der Abschied von der Landesverteidigung als oberster Aufgabe der Truppe, den Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) jetzt verkündet hat. Die Sicherheit Deutschlands wird im Kampf gegen den internationalen Terrorismus auch in Afghanistan verteidigt, sagt er. Die Bundeswehr wird zur Einsatzarmee. Die Soldaten kämpfen so an zwei Fronten: Im Ausland sichern sie Frieden, zu Hause ringen sie um neue Ausrüstung.

Die kostet oft gleich Milliarden und deshalb tritt Struck jetzt auf die Bremse. So wird Deutschland weniger Transportflugzeuge A400M und bei weitem nicht so viele Raketen für den Eurofighter kaufen wie einst angekündigt. Die Truppe hat 2002 wieder erfahren, dass nichts bleibt, wie es war. Struck "justiert" die von seinem Vorgänger Rudolf Scharping (SPD) eingeleitete Bundeswehrreform derart "nach", wie er es bescheiden formuliert, dass das wie eine Reform der Reform wirkt. Scharping wurde im Juli entlassen.

Unter Struck herrscht ein anderer Wind. Viele Soldaten waren nach seinem Amtsantritt im Juli zunächst skeptisch, ob er nach den turbulenten Zeiten unter Scharping Ruhe in die Truppe bringen kann. Struck reduziert große Rüstungsprojekte, schneidet alte Zöpfe ab. Wer einen Aufschrei erwartet hatte, wurde vom Bundeswehrverband eines Besseren belehrt. Die Gewerkschaft der Soldaten stützt bislang Strucks Linie und sieht ihn bei den Soldaten akzeptiert.

Eines will Struck aber keinesfalls verändern: die Wehrpflicht. Für ihn ist sie unumstößlich - doch in der Koalition hat sie immer mehr Gegner. Und auch Militärexperten zweifeln zunehmend, ob der Zwangsdienst noch gerechtfertigt werden kann, da immer weniger Männer eingezogen werden und die Wehrpflicht bisher mit der Landesverteidigung begründet wurde. Im Koalitionsvertrag haben SPD und Grüne vereinbart, dass die Wehrpflicht überprüft wird.

Struck hat damit Zeit bis zum Ende der Wahlperiode 2006. Und nach seinen jetzigen Äußerungen wird er keine Abstriche vom neunmonatigen Wehrdienst für rund 80 000 Männer pro Jahr machen. Sein Hauptargument: Er wolle verhindern, dass es der Bundesrepublik einmal so geht wie Ländern, die die Wehrpflicht abgeschafft haben: aus Mangel an Nachwuchskräften jeden nehmen zu müssen, der sich meldet, auch wenn er für die Armee nichts taugt.

Für die vielen Auslandseinsätze braucht die Bundeswehr erfahrene und gute Soldaten. Am 15. Februar wird Deutschland mit den Niederländern für sechs Monate die Führung der internationalen Schutztruppe in Afghanistan (ISAF) übernehmen und dafür sein Kontingent von rund 1300 auf 2500 nahezu verdoppeln. Wie wichtig verlässliche Kräfte sind, hat nicht zuletzt das dramatische Unglück in Kabul im März gezeigt: deutsche und dänische Sprengstoffexperten versuchten einer Untersuchung zufolge grob fahrlässig, eine russische Rakete zu entschärfen. Der Sprengsatz explodierte, zwei deutsche und drei dänische Soldaten starben.

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