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Neue Bilanzregel zur Goodwill-Abschreibung schönt Gewinne

Wenn Unternehmen demnächst höhere Gewinne melden oder ankündigen, muss dass nicht unbedingt an besseren Geschäften oder geringeren Kosten liegen. Ursache kann auch die geänderte Bilanzregel zur Abschreibung des Goodwill sein.

dpa-afx FRANKFURT. Wenn Unternehmen demnächst höhere Gewinne melden oder ankündigen, muss dass nicht unbedingt an besseren Geschäften oder geringeren Kosten liegen. Ursache kann auch die geänderte Bilanzregel zur Abschreibung des Goodwill sein. Danach dürfen kapitalmarktorientierte Unternehmen in der EU ihren Goodwill (Firmenwert) spätestens ab 2005 nicht mehr planmäßig abschreiben, sondern dieser bleibt in voller Höhe in den Büchern stehen. Das wird den Gewinn höher erscheinen lassen und sorgt bereits jetzt bei Prognosen des Gewinns je Aktie (EPS) für deutliche Verschiebungen. Experten haben errechnet, dass es für mehr als die Hälfte der Dax-Unternehmen bei den EPS-Vorhersagen für 2005 zu zweistelligen Gewinnzuwächsen kommt.

Goodwill entsteht, wenn der Preis für ein übernommenes Unternehmen dessen Nettovermögen übersteigt. Zahlt ein Käufer zum Beispiel drei Mrd. Euro für ein Unternehmen, dessen Vermögensgegenstände minus Schulden lediglich mit zwei Mrd. zu Buche schlagen, dann muss der Käufer die Differenz von 1 Milliarde Euro als Goodwill verbuchen. Goodwill ist quasi ein Aufpreis, den der Käufer für immaterielle Werte wie Firmenimage, Mitarbeiter-Qualifikation oder Beliebtheit der Produkte zahlt. Anstelle der planmäßigen Abschreibung dieses "Aufpreises" tritt künftig ein "Impairment-Test". Dabei wird mindestens ein Mal pro Jahr der Wert des Goodwill überprüft - und anschließend gegebenenfalls abgeschrieben.

Experte: Optisch Höherer Gewinne

"Wegen der neuen Regel wird es bei vielen Unternehmen zu optisch höheren Gewinnen kommen", sagt Kpmg-Manager Oliver Beyhs. Insbesondere bei Unternehmen mit bereits länger in den Büchern stehendem Goodwill könne am Ende ein optisch höherer Gewinn herauskommen, denn hier sei der Goodwill bereits über Jahre abgeschrieben und habe den Buchwert verringert. Die Gefahr außerplanmäßiger Abschreibungen durch den Impairment-Test sei hier "tendenziell geringer" als bei Unternehmen, die erst vor kurzem andere Firmen gekauft hätten.

Besonders relevant wurde der Goodwill im jüngsten Börsenboom. Damals gingen viele Firmen mit dicker Brieftasche auf Einkaufstour und erwarben vermeintlich vielversprechende Unternehmen - aus heutiger Sicht zu überhöhten Summen. In der Folge belastete diese Position die Bilanz. Das war mit ein Grund, warum viele Unternehmen gerne Gewinnzahlen wie Ebita oder Ebitda in den Vordergrund stellten, bei denen neben Steuern und Zinsen für Schulden eben auch die Abschreibungen auf den Firmenwert herausgerechnet wurden.

Verschiebungen Beim Vorausgesagten EPS

Analysten der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) haben den Einfluss der neuen Regel Ifrs drei (International Financial Reporting Standard) auf den erwarteten Gewinn je Aktie im Jahr 2005 errechnet. Demnach kommt es allein wegen der neuen Regel bei 16 der 30 Dax-Titel zu zweistelligen Gewinnzuwächsen. Besonders deutlich zeigt sich das beim Touristikkonzern Tui , dessen EPS-Prognose von der LRP im Vergleich zur alten Vorhersage um 169 Prozent auf 1,78 Euro angehoben wurde. Weit oben in der Liste der "optischen Gewinner" liegen auch RWE (plus 78 Prozent auf 4,15 Euro), Deutsche Telekom (62 Prozent/1,57 Euro), Linde (43 Prozent/3,46 Euro), Metro (40 Prozent/2,90 Euro) und Allianz (39 Prozent/11,75 Euro).

Nicht "betroffen" sind laut LRP-Researchabteilung dagegen unter anderem die Deutsche Bank , SAP , Eon , Infineon , Siemens oder Thyssen-Krupp . Diese Unternehmen bilanzierten bereits nach dem Standard US-Gaap, der schon seit dem Jahr 2001 keine planmäßigen, sondern nur außerplanmäßige Abschreibungen vorsehe.

DZ Bank: Impairment-Test Abwarten

Die DZ Bank geht ebenfalls von einer besseren Bewertung von Unternehmen anhand des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) aus, da planmäßige Abschreibungen des Goodwill in den Schätzungen unberücksichtigt blieben. Somit würden die Nettogewinne im Dax um 15 Prozent, im MDax um zehn und im TecDax um drei Prozent steigen, heißt es in einem Strategiepapier der Bank. Ob der Wegfall der Abschreibungen aber tatsächlich das Nettoergebnis der Unternehmen erhöhe, lasse sich im Voraus nicht abschätzen, da erst abgewartet werden müsse, ob der Impairment-Test Abschreibungsbedarf ergebe. Die Schätzungen für den Nettogewinn der Folgejahre erhöhten sich aber auf jeden Fall, da Goodwill-Abschreibungen in der Regel nicht mehr in den Vorhersagen berücksichtigt würden.

Die optisch höheren Gewinne sollten nach Ansicht von Experten aber keine gravierenden Auswirkungen auf den jeweiligen Aktienkurs haben. DZ-Bank-Analyst Michael Kopmann betont: "Für den Kurs einer Aktie dürfte das keine Auswirkungen haben, denn an der Ertragslage ändert sich nichts". Jeder Fondsmanager müsste dies bereits berücksichtigt haben. Für Wirtschaftsprüfer Beyhs wäre ein Kursanstieg allein wegen der Bilanzierungsregel paradox. "Entscheidend ist der Cash Flow, und der wird nicht durch die neue Bilanzierungsregel beeinflusst."

Marktteilnehmer Nicht Unbedingt Rational

Gegen diese logischen Argumente spricht allerdings der Kursanstieg der Henkel-Papiere am 30. September. Nachdem Unternehmenschef Ulrich Lehner für 2005 durch die Umstellung der Abschreibung einen Gewinnsprung von rund 20 Prozent als möglich bezeichnet hatte, kletterte das Papier zeitweise um fast zwei Prozent. Nach Auffassung der LRP verhalten sich Marktteilnehmer nicht unbedingt rational und deshalb könnten Kurse zumindest kurzfristig beeinflusst werden. Beyhs betont, dass womöglich einige Marktteilnehmer genau auf diese irrationale Reaktion spekulierten. Sie wüssten zwar, dass Kursgewinne deswegen unbegründet seien, setzten zugleich aber darauf, dass andere deshalb Aktien kauften und den Preis in die Höhe trieben.

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