"Neue Bildungskatastrophe"
Miserable Noten für deutsche Schüler

Dies berichten "Spiegel" und "Focus" in ihren neuen Ausgaben. Spitzenreiter sind dagegen Finnland, Korea, Kanada und Japan.

dpa BERLIN. Arbeitgeberchef Dieter Hundt sprach von einer "neuen Bildungskatastrophe". Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, sagte: "Schlimmer hätte es nicht kommen können". Beide verlangten ein Umdenken in der Schulpolitik und gemeinsame Anstrengungen für radikale Reformen.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) forderte, Deutschland müsse seine Kinder "besser und früher fördern". Die Kultusminister- Präsidentin Annette Schavan (Baden-Württemberg/CDU) kündige massive Verbesserungen bei der Lehrerausbildung an und forderte eine Pflicht zur Fortbildung für Pädagogen.

Besonders erschreckend für die Schulforscher: Gut jeder fünfte deutsche Schüler (22,6 %) erreicht bei der Lesekompetenz nur die niedrigste Leistungsstufe. Die Fähigkeit, einen Text zu lesen und den Sinn zu verstehen, gilt als eine der wichtigsten Voraussetzungen, um sich im Leben und Beruf zu Recht zu finden und sich auch mathematische und naturwissenschaftliche Kenntnisse anzueignen. Eine Lehrlings-Einstellungsprüfung, wie sie bei den Kammern heute üblich sind, würden diese Schüler nicht bestehen.

Die Mehrzahl dieser leistungsschwachen Schüler ist männlich und stammt aus dem sozial schwachen Milieu. Anders als in anderen Ländern gelingt es den deutschen Schulen nicht, herkunftsbedingte Nachteile oder Sprachprobleme von Ausländerkindern beim Lernen auszugleichen. Aber selbst die besten deutschen Schüler lagen im Vergleich mit den Besten anderer Länder unter dem Durchschnitt, zeigen die der dpa vorliegenden Ergebnisse. Und: In keinem anderen Land gibt es so krasse Diskrepanzen zwischen guten und schlechten Schülern wie in Deutschland.

Für die "Pisa"-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wurden weltweit mehr als 260 000 Schüler im Alter von 15 Jahren getestet, darunter rund 10 000 Deutsche. Für eine spezielle nationale Auswertung wurden im Auftrag der Kultusminister zusätzlich 50 000 Schüler einbezogen. Diese Ergebnisse sollen später folgen. In der internationalen Wertung liegt Deutschland auf einer Niveaustufe mit Russland und Brasilien. In einem Fall landeten die Deutschen sogar auf dem vorletzten Platz vor Mexiko.

Alle Länder mit Spitzenleistungen haben Ganztagsschulen. Auch werden dort die Kinder nicht wie in Deutschland üblich als Zehnjährige auf verschiedene Schulformen verteilt. Sie besuchen mindestens bis zur neunten Klasse gemeinsam die Schule.

Bulmahn sagte im "Tagesspiegel" (Sonntag) unter Hinweis auf die jüngsten Reformabsprachen zwischen Bund und Ländern im "Forum Bildung": "Mehr Auslese ist der falsche Weg". Deutschland müsse mehr Geld in Bildung investieren. "Der Bund hat den Anfang gemacht, andere müssen jetzt folgen."

Auch die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Eva-Maria Stange, fordere eine viel bessere Förderung der Kleinen vom Kindergarten an. Dieser müsse von einer Halbtagseinrichtung in eine ganztätige "Kinderschule" umgewandelt werden, mit spielendem kindgerechten Lernen, sagte Stange in einem dpa-Gespräch. Notwendig sei eine "Qualitätsoffensive für bessere Schulen". Stange: "Andere Länder fördern ihre Kinder, wir lesen aus." Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Ludwig Eckinger, sagte in der "Welt am Sonntag", in den Schulen herrsche "zu viel Stoffdruck, aber zu wenig Denkdruck".

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