Neue EU-Bürger zwischen Freude und Sorge
Rückkehr in die europäische Familie

Nicht immer spiegeln die Reden der Politiker die Stimmungen ihrer Bürger richtig wider. Die meisten Repräsentanten der neuen EU-Mitglieder klopfen sich am Vorabend der Erweiterung auf die eigenen Schultern. Doch in den Empfindungen der Menschen mischen sich Freude und Stolz mit Gelassenheit, Skepsis und Angst. Litauens Premier Algirdas Brazauskas bringt das auf den Punkt: "In den neuen EU-Staaten spüren wir die Angst vor Veränderungen, aber auch die große Hoffnung auf eine Verbesserung des Lebensstandards."

HB, WARSCHAU. Polens Präsident Aleksander Kwasniewski freut sich dagegen ungebrochen: die aberwitzige Teilung Europas habe nun ein Ende. "Endlich hat Europa seine tragische Geschichte hinter sich gelassen", sagt Kwasniewski. Ungarns Außenminister Laszlo Kovacs nennt den Beitritt die Verwirklichung eines seit Jahrzehnten gehegten Traums. Tatsächlich fühlen sich die Bürger in den Beitrittsländern erst jetzt wieder als anerkannte Mitglieder der europäischen Völkerfamilie. Sie sind angekommen, wo sie in ihren Wünschen eh schon immer waren

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Die Aufnahme in die EU ist für sie aber auch Anlass, eine Bilanz der Reformanstrengungen seit Überwindung des Sozialismus zu ziehen. Voller Stolz listen die Medien all das auf, was in den vergangenen 15 Jahren erreicht worden ist. Die Palette reicht von harten marktwirtschaftlichen Reformen über die Modernisierung von Justiz und Verwaltung bis zur Öffnung der Medien.

Angst vor dem EU-Beitritt herrscht in den Bevölkerungsschichten, die noch nicht von der neuen Marktwirtschaft profitieren. Dazu zählen die Beschäftigten der staatlichen Unternehmen, die kleinen Beamten, die Besitzer bäuerlicher Familienbetriebe, die Rentner und Arbeitslosen. Sie fürchten, die Zugehörigkeit zum Binnenmarkt und der Zwang zu weiteren Reformen könne ihre Existenzgrundlage gefährden. Kleine und mittelständische Unternehmen haben Angst vor dem Konkurrenzdruck durch westliche Firmen. Ungarns Ex-Premier und Oppositionschef Viktor Orban instrumentalisiert diese Ängste gezielt: "In der EU fressen die schnellen Fische die langsamen auf", warnt er. Man dürfe nicht zulassen, dass zu viele Menschen den Anschluss an die EU verpassten

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Angst, Unsicherheit und Skepsis resultieren aber auch daraus, dass sie nicht wissen, in welche Richtung sich die Gemeinschaft entwickeln wird. Der Streit um die künftige europäische Verfassung und den EU-Haushalt ab 2007, die Widersprüche zwischen Amerikanern und Europäern wegen des Kriegs im Irak sorgen für Verwirrung. Hinzu kommt die Kritik an den bürokratischen Auswüchsen der EU. "Viele polnische Unternehmen arbeiten effektiver als die Brüsseler Bürokratie", sagt Polens Ex-Premier und Chef der Pekao, Polens größter Privatbank, Jan-Krzysztof Bielecki. Da helfe nur eins: Nüchternheit und Vertrauen auf die eigene Kraft seines Landes.

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