Neue EU-Richtlinie für die Entsorgung von Altgeräten
Elektronik-Hersteller fürchten milliardenschwere Rückstellungen

Aus Angst vor Skandalen dringen Wirtschaftsprüfer auf wasserdichte Bilanzen. Jetzt sollen Elektronik-Hersteller für die Entsorgung alter Geräte Rückstellungen bilden - mit möglicherweise ruinösen Folgen.

HB BRÜSSEL. Die ohnehin angeschlagene Telekommunikationsbranche steht wegen der künftigen Pflicht zur Entsorgung elektronischer Altgeräte vor finanziellen Risiken in Milliardenhöhe. Der Grund: Wirtschaftsprüfungsgesellschaften fordern von der Industrie hohe Rückstellungen für die Entsorgung gewerblich genutzter Altgeräte.

Die zusätzlichen Aufwendungen könnten schon 2003 fällig werden, wenn die neue EU-Elektroschrottrichtlinie in Kraft tritt. Von den sechs Millionen Tonnen Elektroschrott, die derzeit jährlich in Europa anfallen, stammt die Hälfte aus Büros und Fabrikhallen. Betroffen sind die Hersteller von Computern, Telefonen, Faxgeräten und Handys, aber auch Lampenhersteller und Produzenten elektronischer Anlagen.

Vier renommierte Prüfgesellschaften - Pricewaterhouse Coopers, Ernst & Young, KPMG und BDO Deutsche Warentreuhand AG - kamen in Gutachten unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass der Elektro- und Elektronikindustrie mit Inkrafttreten der neuen EU-Richtlinie ungewisse Verbindlichkeiten entstehen, die durch Rückstellungen abgefedert werden müssen.

"Es drohen dramatische Kursverluste", fürchtet Otmar Frey vom Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI). Manche Firmen mit schwachem Kapitalstock könnten sogar in den Konkurs getrieben werden. Der ZVEI beziffert das Volumen der möglicherweise notwendigen Rückstellungen auf bis zu zehn Mrd. Euro allein in Deutschland.

Verantwortlich für die Bilanzierungsprobleme sind die gesetzgebenden Organe in Brüssel. Europäisches Parlament und EU-Ministerrat hatten sich in der Nacht zum Freitag in zehnstündigen Verhandlungen auf ein Entsorgungsmodell für Elektroschrott aus privaten Haushalten einigen können. Danach dürfen die Hersteller die Entsorgungskosten für Altgeräte, die vor dem Aufbau von Rücknahmesystemen angeschafft wurden, beim Verkauf von Neuprodukten auf die Käufer umlegen (visible fee).

Für den gewerblichen Bereich lehnte das EU-Parlament eine gesetzlich sanktionierte Kostenübertragung auf die Nutzer aber ab. Nach Überzeugung der Bilanzprüfer geraten die Hersteller ohne eine solche Regelung für ihre Altgeräte in ein kostspieliges Obligo, für das Vorsorge zu treffen sei.

In einer "politischen Erklärung" räumen die Verhandlungsführer von EU-Ministerrat und Parlament ein, dass das geplante Regelwerk "Finanzrisiken" enthalte, deren Tragweite nicht abzusehen sei. Die EU- Kommission wurde beauftragt, für den gewerblichen Schrott so rasch wie möglich eine bilanzierungstechnisch saubere Entsorgungsregelung zu finden. Karl-Heinz Florenz, Europaabgeordneter der CDU, schlug vor, die Hersteller bei der Lieferung von Neugeräten zur Rücknahme der alten zu verpflichten.

Der Nachtrag zur EU-Elektroschrottrichtlinie braucht erneut eine Mehrheit im EU-Parlament. Sowohl bei der Union als auch in den Reihen von SPD und Grünen wurde Unmut über die Wirtschaftsprüfer geäußert, die Unternehmen zu ruinösen Rückstellungen zwängen. "Die strengen Forderungen der internationalen Prüfungsgesellschaften sind offenbar eine Folge des Enron - Skandals", sagt Florenz.

Für den privaten Haushalt schreibt die Richtlinie vor, dass die Mitgliedsländer bis 2005 den Aufbau von Sammelstellen organisieren. Die EU-Staaten verpflichten sich, bis Ende 2006 mindestens vier Kilogramm Elektroschrott pro Einwohner und Jahr zu sammeln. Für den Verbraucher ist die Entsorgung kostenlos. Weil die Hersteller aber ihre Zusatzausgaben umlegen können, rechnen Experten mit einem Preisanstieg um 2 bis 2,5 %. Die Verwendung von gefährlichen Stoffen wie Blei, Kadmium und Quecksilber in Elektrogeräten ist ab Mitte 2006 verboten.

Quelle: Handelsblatt

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