Neue EZB-Strategie
Analyse: Die Euro-Bank lockert die eigenen Fesseln

Mit dem Ergebnis ihrer Strategieüberprüfung und der Art der Präsentation ist der Europäischen Zentralbank (EZB) ein Kunststück gelungen: Sie hat ihre international weithin kritisierte und unverstandene Konzeption erheblich verbessert. Gleichzeitig präsentierte sie die grundlegenden Änderungen so, als gebe es sie gar nicht, und minimierte dadurch das Risiko eines Vertrauensschadens.

Die Änderungen sind in der Tat erheblich. War das Ziel der Preisstabilität vorher definiert als eine Inflationsrate von "weniger als zwei Prozent", so heißt es nun zusätzlich, dass mittelfristig eine Rate von "nahe zwei Prozent" angestrebt werde. Damit liegt der Zielwert irgendwo zwischen 1,75 und 1,9 Prozent. Vorher gab es bei Experten und Marktteilnehmern keine klar vorherrschende Meinung, welche Preissteigerungsrate die EZB anstrebt, es wurde aber überwiegend auf niedrigere Werte getippt.

Der Unterschied der neuen Definition zu einem Inflationsziel von zwei Prozent, wie es von vielen Seiten gefordert wurde, ist minimal. Die EZB stellt damit klar, dass sie Sorgen ernst nimmt, ein ehrgeizigeres Preisstabilitätsziel könnte für den Euro-Raum oder für einzelne Mitgliedstaaten ungünstige wirtschaftliche Folgen haben.

Die bisherige erste Säule der EZB-Strategie wird zur zweiten Säule heruntergestuft. Dabei handelt es sich um die Beurteilung der Inflationsperspektiven anhand monetärer Indikatoren. Diese Anlehnung an die frühere Geldmengensteuerung der Bundesbank ist in praktisch allen anderen Zentralbanken aus guten Gründen längst aus der Mode gekommen und wird außerhalb Deutschlands kaum mehr ernst genommen.

Zuerst wird die EZB künftig in ihren Analysen auf die vergangene und für die Zukunft erwartete Entwicklung von Preisen, Löhnen und Produktion eingehen, die bisherige zweite Säule.

Erst danach kommt die Beurteilung der monetären Entwicklung, wobei betont wird, dass dieser Betrachtung ein längerfristiger Horizont zu Grunde liegt. Das entspricht dem Aussagegehalt der Geldmengenentwicklung, setzt aber gleichzeitig ihre Bedeutung für die Zinsentscheidungen von Monat zu Monat herunter.

In der Praxis hat die EZB die Geldmenge ohnehin schon weitgehend ignoriert, und sie hat auch die Inflation mittelfristig nicht unter zwei Prozent gedrückt. Tatsächlich lag diese im Durchschnitt seit Beginn der Währungsunion genau bei zwei Prozent.

Die Änderungen betreffen damit nicht so sehr das tatsächliche Handeln der Notenbank als ihre Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Sie sind deshalb aber nicht minder wichtig. Eine moderne Notenbank ist für eine wirksame Politik ganz entscheidend darauf angewiesen, dass die Kommunikation mit den Märkten funktioniert und dass sie bei den EZB-Watchern in Banken und Medien einen guten Ruf genießt. Dafür hat die EZB gestern die Grundlage gelegt.

Aber auch für das praktische Handeln der EZB in der Zukunft könnte die Reform der Strategie Konsequenzen entwickeln. Im EZB-Rat wird nicht einfach abgestimmt, sondern diskutiert. Zinssenkungsbefürworter etwa haben es künftig leichter mit ihrer Argumentation, wenn der angestrebte Wert für die Inflationsrate höher liegt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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