Neue Finanzprodukte dank Kyoto
Klimagase als Wertpapierderivate

Die Börsennachrichten werden in Zukunft um ein Segment reicher sein. Schon in wenigen Jahren werden die Zeitungen und Sender zwischen Öl- und Goldpreisen, Aktien- und Rentennotierungen auch melden können, was gerade der Ausstoß einer Tonne Kohlendioxid kostet. Und dabei wird es nicht nur um die schlichten Emissionen gehen, sondern wohl auch um alle denkbaren Formen von Finanzderivaten.

DÜSSELDORF. "Vom Charakter her ist das Emissionsrecht nach meinem Verständnis ein Wertpapier", sagt Armin Sandhövel, Leiter Corporate Sustainability bei der Dresdner Bank. Entsprechend liege auch die Entwicklung abgeleiteter Kapitalmarkt-Produkte nahe. So werde es im Marktsegment der Emissionszertifikate vermutlich schon in wenigen Jahren neben einem Spotmarkt auch vielfältige Futures, Swaps und Optionen geben. Dadurch, erwartet der Banker, eröffneten sich auch den Finanzdienstleistern "interessante Produktfelder".

Diese optimistische Einschätzung teilen auch andere Vertreter der Branche. Der Emissionshandel, heißt es etwa bei Deutsche Bank Research, werde zwar in der Anfangsphase bei geringen Umsätzen noch ein "relativ riskantes Geschäft" sein, doch werde er "mittelfristig potenziell sehr lukrativ". Schließlich sei im Segment Treibhausgase im Jahre 2008 weltweit mit einem Handelsvolumen von 60 Milliarden Dollar zu rechnen. Heute liegt die global gehandelte Menge an Emissionsrechten bereits bei 200 bis 300 Millionen Dollar jährlich - mit "stark steigender Tendenz", wie Dresdner Bank-Experte Sandhövel weiß. Die Weltbank prognostiziert langfristig gar ein Jahresvolumen von 300 Milliarden Dollar.

Aus der Vielfalt der Kapitalmarktprodukte ergibt sich ein breites Spektrum an potenziellen Handelspartnern. Die Deutsche Bank Research schlussfolgert bereits, dass Treibhausgase auch "als potenzielle Spekulationsobjekte betrachtet" werden könnten. Denn es werden in einem funktionierenden Markt nicht nur jene Firmen kaufen und verkaufen, die selbst Emissionsrechte benötigen oder im Übermaß verfügbar haben. Sondern die Wertpapiere werden für jeden interessant, der auf Kursgewinne setzt.

Die Zertifikate werden daher Käufer auch in der Vermögensverwaltung finden: Fonds werden sich CO2-Zertifikate ins Portfolio legen, und Firmen werden die Papiere für Sicherungsgeschäfte nutzen. Kurz: Alle Arten von Finanzprodukten sind denkbar.

Offen ist noch, ob neben institutionellen Anlegern auch Privatbürger eines Tages Emissionsrechte kaufen werden wie heute Aktien. Die Volatilität der Zertifikate werde "vermutlich zwischen der von Öl und Gold liegen", schätzt Jörg Doppelfeld, Manager für Projektfinanzierung bei der Hypo-Vereinsbank. Wichtig für einen verlässlichen, und damit auch in ökologischer Hinsicht effizienten Markt ist die Implementierung leistungsfähiger Handelsplattformen. Derzeit wird in allen Ländern der gesamte Kohlendioxidhandel noch außerbörslich abgewickelt. Doch schon bald werden entsprechende Börsen erforderlich sein, um die Marktkräfte optimal zur Senkung der Emissionen zu nutzen. In der deutschen Börsenlandschaft sei Leipzig besonders gut für einen entsprechenden Handel geeignet, sagt Dresdner Bank-Experte Sandhövel - auch der Strombörse wegen. International wird der erste Börsenhandel vermutlich im Juli an der Chicago Climate Exchange aufgenommen - ironischerweise in jenem Staat, dessen Regierung Hauptgegner des Kyoto-Protokolls ist.

Innovative Unternehmen begrüßen den Emissionshandel, weil dieser weitere Flexibilität bei der Finanzierung bietet. So können sich Unternehmen durch Emissionsreduktionen zusätzliche Liquidität erwirtschaften, was Investition deutlich attraktiver machen kann. Zugleich werden Banken bei der Kreditvergabe künftig sehr genau auf die zu erwartenden Emissionen schauen, da ein hoher Schadstoffausstoß die Bonität eines Unternehmens deutlich reduzieren kann. "Für das Rating eines Unternehmens wird damit auch die Umweltbilanz relevant", sagt Olaf Weber, Leiter der Abteilung Umweltfinanzierung bei der Deutschen Ausgleichsbank (DTA).

Mit Spannung wartet die Wirtschaft unterdessen auf Signale, in welcher Höhe das Preisniveau der Kohlendioxid-Emissionen künftig liegen könnte. Der Hessen-Tender, ein Planspiel des hessischen Umweltministeriums in Kooperation mit einigen Unternehmen, hatte kürzlich einen Tonnenpreis von 6,58 Euro ergeben. Dieser sei ein "fairer Preis" schätzt DTA-Experte Weber. So hat in den großen Firmen spätestens jetzt das Rechnen um die CO2-Emissionen begonnen.

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