Neue Geschäftsmodelle
Die Reinkarnation des Internets

Viele der zum sogenannten Web 2.0 gehörenden Unternehmen sind in den zurückliegenden Monaten unter Druck geraten. Der Suchmaschinenriese Google glaubt aber weiter fest daran, dass aus den neuen Internettechnologien ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickelt werden kann. Google-Chef Eric Schmidt setzt dabei vor allem auf das mobile Internet auf dem Handy.

DAVOS. "Das wird die Reinkarnation des Internets sein. Und es wird ein sehr gutes Business-Modell sein", sagte der CEO des Suchmaschinenriesen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Viele der zum sogenannten Web 2.0 gehörenden Unternehmen sind in den zurückliegenden Monaten unter Druck geraten. Zwar verzeichnen etwa die Seiten sozialer Netzwerke rasantes Wachstum. So konnte das Kontaktportal Facebook seine Nutzerzahlen nach Berechnungen des Marktforschers Comscore in den zurückliegenden zwölf Monaten um über 400 Prozent steigern. Doch wie dieses Wachstum in bare Münze umgewandelt werden kann, ist immer noch nicht klar.

Erste Versuche, in größerem Umfang Werbung auf den Seiten zu platzieren, sind bislang gescheitert. So musste Facebook kürzlich seine neue Werbetechnik Beacon stoppen. Beacon teilt befreundeten Facebook-Nutzern mit, was man wo gekauft hat - quasi als Empfehlung. Viele Facebook-Nutzer fühlten sich dadurch in ihrer Privatsphäre verletzt. "Beacon war ein Desaster", sagte George Colony, der Chef des Marktforschers Forrester Research.

Auch an den von Google-Chef Schmidt beschriebenen Chancen im mobilen Internet gibt es Zweifel. So hat das mobile Internetfernsehen die Erwartungen bei weitem nicht erfüllt. "Zeigen Sie mir das Geld", brachte Howard Stringer, der Chef des Elektronik- und Unterhaltungsriesen Sony, die Situation auf den Punkt. Und Jeff Zucker, CEO von NBC, ergänzte: "Es gibt derzeit kein Business-Modell für diese neue Technologie."

Doch Google-Chef Schmidt gab sich in Davos davon unbeeindruckt. Daran konnten auch verhaltene Prognosen von Marktforschern, wonach etwa in den USA mit Werbung auf mobilen Geräten im Jahr 2012 weniger als eine Milliarde Dollar erlöst werde, nichts ändern. "Solche Prognosen sind häufig problematisch. Es gibt bei neuen Technologien immer einen Effizienz-Punkt. Ist die kritische Masse erreicht, wird sich das Wachstum enorm beschleunigen", konterte er. Gleichzeitig böten lokale Dienstleistungen, also Angebote, die speziell auf den Aufenthaltsort des Handy-Nutzers abgestimmt sind, große Wachstumschancen.

Dennoch hat bereits die Suche nach Geschäftsmodellen jenseits der Werbung begonnen. Auch das zeigte sich in Davos. Unterstützung könnte dabei von den etablierten Industrieunternehmen kommen. Sie sind nämlich beim Thema Innovation immer stärker auf Ideen jenseits der Firmengrenzen angewiesen. "Forschung war früher vor allem eine interne Angelegenheit. Heute nutzen wir dabei das weltweit verteilte Know-how und binden dabei zum Beispiel auch die Kunden ein", sagte Francesco Serafini, Europachef des IT-Konzerns Hewlett-Packard (HP).

Gerade für einen großen und weltweit arbeitenden Konzern wie HP sei das System aus Partnern, Zulieferern und Kunden enorm wichtig. So würden etwa neue Notebooks, bevor sie auf den Markt kommen, von ausgewählten Kundengruppen intensiv getestet und bewertet. "Das erfordert natürlich eine gewisse Offenheit, garantiert uns aber die notwendige Innovationskraft", sagte Serafini. Diese Entwicklung wird sich nach Ansicht von Forrester-Chef Colony in nächster Zeit rasant beschleunigen. "Wir nennen das Social Sigma, in Anlehnung an die Management-Lehre Six Sigma. Wesentliche Produktinnovationen werden künftig von den Kunden und Nutzern kommen", glaubt er und geht sogar noch einen Schritt weiter. "Web-2.0-Unternehmen wie etwa Facebook werden ihr Community-Netzwerk anderen Firmen gegen eine Gebühr zur Verfügung stellen. So haben diese dann Zugriff auf eine enorme Know-how-Basis."

Führende Industrievertreter bestätigen diese Entwicklung. "Die Kunden wissen heute mehr, sie verlangen aber auch mehr. Der Kundenkontakt ist ein Dialog. Die neuen Technologien ermöglichen diesen", sagte Mark G. Parker, der CEO des Sportkonzerns Nike. Vor allem typische Internetwerkzeuge wie Wikis (internetbasierte Nachschlagewerke) haben bei vielen Konzernen Einzug gehalten. "Wir haben für unsere interne Forschung die gesamten Informationen in einer Datenbank gebündelt, auf die nun alle Mitarbeiter Zugriff haben", nennt HP-Manager Serafini ein Beispiel.

Trotz allem glaubt Forrester-Chef Colony, dass das Web 2.0 nicht ohne einen Erfolg in der Werbung aus-kommen wird. "Werbung bleibt das wichtigste Geschäftsmodell im Web 2.0. Und die Unternehmen werden damit irgendwann erfolgreich sein."

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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