Neue Hebelprodukte boomen am Markt für derivative Produkte
Derivate: Mit allen Wassern gewaschen

Mit derivativen Produkten wie Zertifikaten, Optionsscheinen, Turbos & Co. kann der Anleger mittlerweile jede Entwicklung an den Waren- und Finanzmärkten zum eigenen Vorteil nutzen. Doch das erfordert genaue Sachkenntnis und Flexibilität. Daran hapert es oft. In Zukunft wollen die Banken beim Einstieg in die Derivatewelt mehr helfen.

Christopher Maaß weiß, was Anleger wünschen. Wochenlang tüftelte der Produktmanager der Commerzbank zusammen mit den hauseigenen Entwicklern an einem Wertpapier herum: Kostengünstig sollte es sein, eine Einstiegsmöglichkeit in die wichtigsten Aktienmärkte bieten - das jedoch mit gerade soviel Sicherheit, dass es den Anleger nicht unnötig Rendite kosten würde. Herausgekommen ist das Best-Start-Zertifikat. Der Clou daran: Der Erstzeichner steigt rückwirkend in einen Indexkorb aus dem Euro Stoxx 50-Index, dem japanischen Topix und dem US-amerikanischen S&P 500-Index ein - und zwar zum niedrigsten Monatsdurchschnitt während der ersten sechs Monate Laufzeit.

Was den normalen Anleger frustriert, zahlt sich für die Zertifikatekäufer aus: Je wilder es an den Weltbörsen zugeht, desto günstiger schaffen sie den Einstieg. Kein Wunder also, dass den Commerzbank-Beratern das Papier geradezu aus der Hand gerissen wurde. Mittlerweile läuft der Verkauf einer zweiten Tranche. "Die Resonanz war ausgesprochen gut", so Commerzbanker Maaß stolz. "Wir haben einen mehrstelligen Millionenbetrag platziert."

Neue Generation von Hebelprodukten boomt

Auch wenn solche Emissionsvolumina die Ausnahme sind, seit die Weltbörsen die Bodenbildung proben, springt der Markt für Zertifikate und Optionsscheine wieder an, wie die Deutsche-Bank-Experten in ihrer jüngsten Statistik belegen.

Geradezu boomartig vollzieht sich dabei der Siegeszug einer neuen Generation von Hebelprodukten, im Fachjargon meistens Turboscheine oder-zertifikate genannt. Sie ermöglichen die Spekulation auf Indizes, Währungen und andere Basisinstrumente - mit wenig Kapitaleinsatz und hohem Hebel. Der Vorteil: Anders als bei Optionsscheinen gibt es keinen Zeitwertverlust, der Hebel bleibt über die gesamte Laufzeit hinweg konstant. Doch dafür droht der vorzeitige Totalverlust, wenn sich die Kurse anders als vom Anleger erwartet entwickeln.

Das scheint spekulative Anleger nicht zu schrecken. "Da gibt es welche, die drehen ihre Positionen wie verrückt", weiß Markus Koch von UBS Warburg. Meist werden die Papiere noch am gleichen Tag wieder verkauft. "Und bei den Basiswerten gibt es einen klaren Trend zu Indexprodukten", sagt Florian Brechtel von der Deutschen Bank. Auch das ist kein Wunder, bietet doch die Berg- und Talfahrt an den Weltbörsen in den letzten Wochen das ideale Terrain für diese Spekulationen.

Wissensstand vieler Anleger ist gering

Doch deshalb haben die Deutschen nicht gleich wieder die Lust am Zocken entdeckt. "Die neuen Hebelprodukte haben Teil des klassischen Warrantmarktes substituiert", beobachtet Stefan Gresse von ABN Amro, "aber konservative Anleger kommen nicht über dieses Produkt in den spekulativen Bereich hinein."

Die greifen lieber zu den klassischen Indexzertifikaten. Der Unterschied: Viele dieser Papiere werden mittlerweile ohne eine feste Laufzeit emittiert, und sie partizipieren im Verhältnis 1:1 an der Wertentwicklung des jeweiligen Index, auf den sie sich beziehen - von der Konstruktion her funktionieren sie also wie eine Art Investmentfonds, nur das der Anleger weiß, dass er auf jeden Fall so gut wie der Index abschneidet. Das Risiko eines schlechten Managements wie bei den Fonds gibt es also nicht. "Außerdem erkennen immer mehr Anleger, dass sie mit einem Indexzertifikat billiger zum Zuge kommen als mit einem entsprechenden Fonds", sagt Brechtel.

Nachlassende Volatilität des Gesamtmarktes drückt die Prämien

Strategiezertifikate, die eine bestimmte Investmentidee verfolgen, etwa die Zusammenstellung eines Korbes mit Aktien, die eine sehr hohe Dividendenrendite aufweisen, finden dagegen derzeit nur wenig Anhänger. Meist sei die Botschaft in der aktuellen Situation nur schwer zu vermitteln, weiß der Deutsche-Bank-Experte. Das Papier mag zwar an Wert verloren haben, aber die Strategie hat auch dann funktioniert, wenn das Papier besser als der Gesamtmarkt gelaufen ist.

"Nach wie vor ist der Wissenstand vieler Anleger in Sachen Derivate immer noch gering", bemängelt UBS-Mann Koch. Viele Anleger haben zum Beispiel damit Schwierigkeiten zu erkennen, dass Optionsscheine derzeit nicht die richtige Wahl sind, wenn sie aggressiv auf eine Erholung der Kurse spekulieren wollen. Der Grund: Die nachlassende Volatilität des Gesamtmarktes drückt die Prämien.

"Viel besser ist es da, etwa Aktienanleihen oder Discount-Zertifikate zu kaufen, und damit die hohe Volatilität an die Bank zu verkaufen", so Koch. Ergebnis: Der Anleger bekommt bei diesen derivativen Instrumenten derzeit überdurchschnittlich hohe Zinssätze beziehungsweise Discounts geboten.

Bei den Discountzertifikaten hat er die Möglichkeit, etwa eine Aktie mit einem Rabatt auf den aktuellen Börsenkurs zu erwerben. Faustregel: Je höher die Volatilität des entsprechenden Basiswertes, desto höher fällt auch der Abschlag aus. Einziger Minuspunkt: Die Gewinnchancen dieser Papiere sind durch einen so genannten Cap gedeckelt. "Bei Scheinen, die tief im Geld liegen, lassen sich auf diese Weise mitunter Renditen von 9 bis 10 Prozent erzielen", rechnet Koch vor, "und das mit relativer Sicherheit."

Doch auch hier steht sich der Anleger oftmals selbst im Wege, meint Wolfgang Gerhardt, zuständig für das Marketing für strukturierte Produkte bei Sal. Oppenheim. "Viele Investoren sind nicht willens, bei Derivaten auch auf kürzere Zeiträume zu schauen, weil ihre etwaigen Gewinne dann nicht steuerfrei sind." Dabei locken mitunter gerade im kurzfristigen Bereich attraktive Chancen.

Doch auch die Emittenten selbst sind nicht ganz unschuldig an den Informationsdefiziten vieler ihrer Kunden. Mit dem Tempo, mit dem die Geldhäuser immer neue und komplexere Derivate-Konstruktionen auf den Markt gebracht haben, können viele einfach nicht mithalten. "Jetzt muss das Motto lauten: mehr Information statt Innovation", so ABN-Experte Gresse selbstkritisch. Sein Haus ebenso wie die Börse Euwax arbeiten deshalb daran, Licht in den Derivate-Dschungel zu bringen. "In den Jahren zuvor haben vor allem Produkte präsentiert, jetzt wird es darum gehen, auch die Bedienungsanleitung nachzuliefern - und zwar möglichst verständlich."

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