Neue Impulse für Breitband-Kabelmarkt
Unabhängigkeitserklärung der letzten Meile

Der Telekom steht das nächste Desaster ins Haus. Erst platzt nach monatelangen Verhandlungen der Milliarden-Deal mit dem US-Investor Liberty Media. Und jetzt treibt es die so genannten Betreiber der Netzebene vier (der "letzten Meile") in die Selbständigkeit. Sie lösen sich mehr und mehr von der Ebene drei.

DÜSSELDORF/KÖLN. Die lokalen Kabelgesellschaften arbeiten in aller Stille bereits seit zwei Jahren an diesem Modell. Öffentlich darüber sprechen, wollten sie bisher nicht. Auf der Kölner Kabel-Fachmesse Anga machte der Verband Privater Kabelnetzbetreiber Schluss mit der Zurückhaltung und verkündete die Unabhängigkeitserklärung der letzten Meile: "Überall da, wo es technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, trennen wir uns von unseren Vorlieferanten", sagte Jürgen Dill, Prokurist bei Marienfeld Multimedia, die 100 000 Wohneinheiten im Ruhrgebiet versorgen.

Große Kabelbetreiber wie die Telekom und Ish verfügen in der Regel nur über das Netz bis zur dritten Ebene, also bis zu einzelnen Straßenzügen. Die Verbindung von der Straße zum jeweiligen Haushalt liegt in der Hand von regionalen und überregionalen Betreibern und Wohnungsbausgesellschaften. Um wirklich an Kunden heranzukommen, müssen die Betreiber der Ebene drei mit genau diesen Inhabern der Hausverteileranlagen zusammenarbeiten. Und hier liegt das Problem.

Die großen Netzbetreiber traten wie Kolonial-Herren auf

Denn die amerikanischen Investoren (der US-Kabelkonzern Callahan ist zu 55 Prozent an dem zweitgrößten Kabelnetzbetreiber Ish beteiligt) haben versucht, das Modell ihrer Heimat eins zu eins auf den deutschen Markt zu übertragen. Dabei traten sie gegenüber den Betreibern der Netzebene vier mitunter auf wie Kolonial-Herren. "Die sind aufgetaucht und haben gesagt: "Wenn ihr nicht so wollt wie wir, machen wir euch platt", erinnert sich Jürgen Dill. "Sie wollten festgefügte, unflexible Kooperationmodelle überstülpen, nach dem Motto: Entweder, ihr akzeptiert unsere Konditionen, oder wir übernehmen eure Netze", sagte Jens Kircher von Bosch Telecom.

Damit schufen sich Ish und Co. nicht nur neue Gegner, sie unterschätzen auch deren Macht. Denn die Betreiber der Ebene drei sind auf die Hausanschlüsse der Ebene vier angewiesen; umgekehrt jedoch nicht. Die lokalen Gesellschaften wollen ihr eigenes Ding machen. "Der Trend geht eindeutig in Richtung Abkopplung von der Ebene drei", so Kircher. Immer mehr Betreiber der vierten Ebene sind technisch in der Lage, das Signal selbst aus dem Satelliten einzuspeisen und ihre Wohnkomplexe direkt zu versorgen. So umgehen sie die bisher nur sehr schwerfällige Kooperationen mit den Vorlieferanten.

DSL schreitet mit großen Schritten voran

Somit stirbt auch die letzte Hoffnung der Telekom, das TV-Kabelnetz zu einem vernünftigen Preis los zu werden. Schon zuvor haben Hiobsbotschaften dessen Wert immer weiter gesenkt. Immer neue Pannen bei Ish und auch bei Iesy (Hessen und Rheinland-Pfalz) enthüllen, wie marode das Netz ist."Wir haben die Komplexität des technischen Ausbaus total unterschätzt", sagt Ish-Sprecherin Eva Krüger. Das dürfte potenzielle Käufer weiter abschrecken. Auch das dahindümpelnde Geschäft bei Premiere zeigt, wie wenig Bedarf momentan an neuen TV-Geschäftsmodellen besteht. Was das Highspeed-Internet betrifft, so hat DSL längst einen kaum einzuholenden Vorsprung.

Für den Kunden bedeutet das, dass die "zusätzlichen TV-Dienste" wie interaktives Fernsehen, Video on demand und elektronischer Programmführer, die die Branche zu versprechen nicht müde wird, weiter auf sich warten lassen. Da der Ausbau des TV-Kabels zum Multimedia-Kanal noch dezentraler wird, wird die ohnehin schon verwirrende Kabelszene noch unübersichtlicher. Programmangebote, die auf das Breitbandkabel zugeschnitten sind, werden künftig einen noch schwereren Stand haben. Genauso wie die Telekom bei ihren Verkaufsverhandlungen über die Kabelnetz-Reste.

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