Neue Initiativen sollen die Mikrosystemtechnik nach vorne bringen
Ein ganz normaler Reifeprozess

Frohe Kunde verbreitet in diesen Tagen die VDI/VDE GmbH, -TI der Projektträger des staatlichen Förderkonzepts "MST 2000+": Erste Ergebnisse der von der Basler Prognos AG vorgenommenen Evaluation zeigten, dass immer mehr mittelständische Unternehmen die Mikrosystemtechnik (MST) nutzten. Die Ausgestaltung einer künftigen Förderung hänge davon ab, "ob und mit welcher Geschwindigkeit das Innovationspotenzial der MST in Deutschland erschlossen werden kann". Schließlich, stellen die Autoren vage fest, gelte es "Innovationshürden und Wettbewerbsnachteile" zu überwinden.

HB HANNOVER. Die zurückhaltend-optimistische Wortwahl kommt wohl nicht von ungefähr. Zwar prophezeit der aktuelle Nexus-Report der MST auch weiterhin jährliche Wachstumssprünge von annähernd 20 Prozent. Ausgehend von geschätzten 32 Milliarden Dollar im laufenden Jahr, wird das Weltmarktvolumen für mikrosystemtechnische Lösungen demnach auf rund 60 Mrd. $ in 2005 steigen. Mitte der 90er-Jahre allerdings hatten vollmundige Auguren ähnliche Umsatzhöhen allein für den hiesigen Markt avisiert.

Und so leugnet niemand ernsthaft, dass der "Wachstumsmotor MST" in Deutschland lange mächtig Sand im Getriebe hatte. Die Akteure mussten sich mangelnde Lösungsorientierung, "eigensüchtige Subventionshatz" und fehlende Risikobereitschaft vorwerfen lassen. In den "emerging markets" wie Biomedizin und Gentechnik, monierte eine Studie der Fraunhofer-Gesellschaft, drohe die Bundesrepublik gegenüber den USA und der fernöstlichen Konkurrenz den Anschluss zu verlieren.

Frank Bartels, Geschäftsführer der Dortmunder Bartels Mikrotechnik GmbH indes sieht für "verfrühte Abschiedsreden ebenso wenig Anlass wie für überzogene Erfolgsphantasien". Derzeit finde ein schrittweiser Annäherungsprozess zwischen etablierten Branchen und sich etablierenden MST-Firmen statt.

Die Verzögerungen, die dem Durchbruch der Mikrotechnik entgegenstanden, deutet Bartels als Teil einer normalen Reifezeit. "Und wie dies für Reifeprozesse üblich ist, erweisen sich manche Früchte schließlich als weniger haltbar." Auch Uwe Kleinkes von der "Interessengemeinschaft zur Verbreitung von Anwendungen der Mikrostrukturtechniken NRW" (IVAM) macht sich um die hiesige MST-Szene keine Sorgen. Im Bereich "Automotive" etwa, einem der zentralen Anwendungsfelder, seien deutsche Unternehmen weltweit führend.

Als Best-Practice-Beispiel für die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Szene nennt Kleinkes einen von der Gschwendaer Firma UST gemeinsam mit der Dortmunder ETR GmbH entwickelten Luftgütesensor. Der Sensor ist Teil des Air-Quality-Systems (AQS) für Pkw, das die Firma Paragon in Dellbrück produziert. Durch mikrotechnische und damit preisgünstigere Fertigung habe UST das Monopol eines japanischen Anbieters brechen können und sei heute Weltmarktführer mit über 50 Prozent Marktanteil.

Erfolgskritisch seien dabei gerade für kleine und mittlere Unternehmen klassische Synergieeffekte. "MST kann zwar durch Kostenreduktion erheblich zur Wertschöpfung beitragen, der Aufwand für Entwicklung und Fertigung jedoch ist von KMU allein kaum zu meistern." Zum Dienstleistungsspektrum der IVAM zählen daher auch so genannte Foundry Services. Über vier in NRW stationierte "Zentren für Aufbau- und Verbindungstechnik" erhalten die Betriebe nunmehr einfachen Zugang zur High- Tech-Produktion von Mikrokomponenten aus Metallen, Halbleitern, Polymeren oder Keramik.

Speziell an Unternehmensgründer richtet sich dagegen die unlängst aus der Taufe gehobene Dortmunder "MST-Factory". Die IVAM und die Initiative Dortmund-Project wollen dort unter einem Dach eine technische Infrastruktur zur Prototypenentwicklung und einen Beratungsservice anbieten, der Technologiebewertungen und Machbarkeitsstudien durchführt. Der Standort, schwärmt Kleinkes, biete angesichts der hohen Dichte an MST-Firmen mit rund 1 200 Beschäftigten ein "ideales Innovationsumfeld".

Der Bündelung von Kompetenzen dient auch die im vergangenen Dezember am Forschungszentrum Karlsruhe eröffnete "MicroWebFab". Im Rahmen des vom BMBF mit 2 Mill. geförderten Verbundprojekts fügen 11 KMU ihr spezifisches Know-how und ihre Produktionskapazitäten zu einem "virtuellen Unternehmen" zusammen. Dieses, so Koordinator Ulrich Gegenbach, sei in der Lage, eine komplette Betreuung in Gestalt von Entwicklungs-, Fertigungs- und Servicedienstleistungen zu offerieren. "Wo die Schnittstellen zwischen den Verbundpartnern liegen, ist für den Kunden nicht wichtig: Sein Auftrag wird aus einer Hand erledigt."

Nach den auf Nischenprodukten spezialisierten Anbietern, berichtet Bartels, kämen nun verstärkt auch marktführende Hersteller auf die MST-Branche zu. "Der Einstieg in solche Substituierungsprozesse ist mit einem nicht unerheblichen Risiko behaftet, und entsprechend groß ist die Erwartungshaltung der Unternehmen."

Der eigentliche Durchbruch könne der Mikrotechnik folglich nur gelingen, wenn sie Innovationen nicht allein verspreche, sondern unabhängiges Know-how und ganzheitliche Prozessbeherrschung nachweise.

Hilfreich könnte dabei auch der just zur Hannover Messe gegründete "Match e.V."-X mit Sitz in Frankfurt sein. Als Nachfolger der AG "Industrieplattform Modulare Mikrosysteme" (IMM) betreut der Verein ein gleichnamiges MST-Baukastensystem mit elektrischen, fluidtechnischen, mechanischen und optischen Komponenten. Mit Hilfe von Match-X, dessen Bauteile flexibel kombinierbar sind, können interessierte Unternehmen, laut IMM-Sprecher Wolfgang Schäfer, neue Produkte schneller, effektiver und kostengünstiger am Markt platzieren. Erste Prototypen sollen bereits kurz nach Messeende verfügbar sein.

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