Neue Insellösung statt Standard
Liberty löst Streit um Digital-TV aus

Die Fernsehbranche ist verärgert über die Absage des US-Kabelnetzbetreibers Liberty Media an den MHP-Standard für das digitale Fernsehen. Sie fürchtet, dass Liberty den Markt künftig dominieren wird. Die Landesmedienanstalten wollen gegen die Entscheidung des US-Unternehmens vorgehen.

gil/hps/pos/slo DÜSSELDORF. Der US-Kabelnetzbetreiber Liberty Media Corp hat sich den Zorn deutscher Fernsehsender und Landesmedienanstalten zugezogen: Das Unternehmen hat sich gegen den von der Branche favorisierten MHP-Standard für das digitale Fernsehen ausgesprochen. Die TV-Sender fürchten nun, dass ihre digitalen Angebote bei Liberty-Kunden außen vor bleiben werden, wenn das US-Unternehmen Geräte einsetzt, die nicht den MHP-Standard unterstützen. Erst diese Technik macht es möglich, dass Zuschauer mit nur einem Decoder alle digitalen Fernsehangebote nutzen können. Liberty könnte versuchen, bevorzugt eigene Inhalte zu verkaufen, so die Befürchtung.

Jetzt wollen die Landesmedienanstalten eingreifen und nach Brancheninformationen gegen die Liberty-Entscheidung vorgehen. Diese war unter anderem Thema eines Treffens der Medienanstalten gestern und heute in Erfurt. "Liberty Media muss mit seiner Box bei uns durch eine Art TÜV. Wir sehen uns derzeit an, ob die technischen Parameter unseren Vorstellungen entsprechen", heißt es in Kreisen der Medienanstalten. Der Rundfunkstaatsvertrag gibt den Landesmedienanstalten den Auftrag, im Sinne der Verbraucher allen Programmanbietern einen chancengleichen Zugang zu den TV-Kabelnetzen zu sichern.

Liberty Media hat im September sechs Kabelnetzregionalgesellschaften mit insgesamt zehn Millionen Kunden von der Deutschen Telekom gekauft. Die Zustimmung der Kartellbehörde dazu steht noch aus. Die übrigen drei TV-Kabelregionalnetze der Telekom haben Callahan (Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg) und das Konsortium Klesch/NTL (Hessen) erworben. Diese Unternehmen wollen ihren Kunden MHP-fähige Settop-Boxen anbieten.

Die Präsidentin von Liberty Media International, Miranda Curtis, hatte am vergangenen Freitag erklärt, die MHP-fähigen Decoder seien zu teuer. Durch den Standard würden die Kosten für die Geräte um 60 bis 80 Euro steigen. Dies wird von Herstellern wie Philips angezweifelt. Ein Sprecher hält Mehrkosten von 25 Euro für realistisch. Längerfristig werde eine eigene Liberty-Lösung aber immer teurer als ein gemeinsamer Standard. Philips hält die Absage von Curtis an MHP für "eine nicht durchdachte Aussage", die kaum am Markt Bestand haben werde.

Liberty hat zudem angekündigt, seine Boxen an die eigenen Kunden zu verschenken. Die Medienanstalten reagierten mit Besorgnis auf diese Ankündigung. Sie fürchten eine Wettbewerbsverzerrung. Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, warnte auf den Münchner Medientagen vor einer Monopolisierung der Kundenbeziehungen. Branchenbeobachter gehen davon aus, dass die Medienanstalten daher in den kommenden Monaten massiv darauf hinwirken werden, dass der vorgeschriebene chancengleiche Zugang für alle Programmanbieter auch umgesetzt wird.

Erst vor etwa einem Monat verzichtete die Kirch-Gruppe auf ein eigenes Decoder-System in ihrer D-Box und schloss sich dem MHP-Standard an. "MHP ist die richtige Basis, um das digitalen Fernsehen weiter zu entwickeln", heißt es auch bei RTL Deutschland. Auch der Bertelsmann-Konzern, Muttergesellschaft von RTL, unterstützt MHP: Damit bleibe dem Verbraucher ein Wirrwarr verschiedener Geräte erspart. Die RTL Group erwägt angeblich sogar bereits, ihre Programme per Kabel nur noch im Paket anzubieten. Kabelbetreiber, die einzelne Sender "aussortieren" wollten, müssten dann auf alle Sender der Gruppe verzichten.

Auf der Funkausstellung in Berlin hatten Elektronikriesen wie Panasonic, Sony oder Philips erste Settop-Boxen mit MHP vorgestellt. Sony will im November einen Fernseher mit integrierter MHP-Plattform auf dem deutschen Markt präsentieren, andere Hersteller folgen im Frühjahr. Allerdings sind diese Boxen nur für den Empfang digitaler Programme über Satellit ausgelegt. Modelle für den Kabelmarkt sollen später folgen.

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