Neue Jobperspektiven im Gesundheitswesen
Zukunftsmarkt Gesundheit

Disease- und Case-Manager sollen Kosten senken und die Qualität medizinischer Behandlungen steigern. Der Kräftebedarf in diesem neuen Berufszweig ist enorm.

Die Diagnose lautet: Diabetes. Drei befragte Ärzte haben drei unterschiedliche Auffassungen darüber, was zu tun ist - die Therapie übernimmt Dr. Zufall. Fehl- und Parallelbehandlungen folgen. Patientenalltag in Deutschland. Das Gesundheitssystem ächzt, Kranke leiden. Mittlerweile werden 15 Prozent des Brutto-Inlands-Produktes für Behandlungen aufgewendet. In Deutschland fallen weltweit die dritthöchsten Krankheitskosten an. Dabei verursachen 20 Prozent chronisch Kranke 80 Prozent der Ausgaben.

Genau an dieser Stelle sollen nun Disease- und Case-Manager Kosten senken und Behandlungserfolge steigern. Grundlage für das neue Berufsfeld sind die ab 1. Juli von der Bundesregierung per Gesetz verordneten Disease-Management-Programme (DMP), mit denen Ärzte, Krankenkassen, Kliniken und Pharmaindustrie zur Qualität verpflichtet werden sollen. Disease Manager sorgen dafür, dass alle an einer Behandlung Beteiligten - vom Klient bis zum Kostenträger - besser zusammenspielen. Case-Manager kümmern sich kontinuierlich um Schwerstkranke, planen deren Versorgungskette, setzen sie um und bewerten sie. Durch Therapieleitlinien, die aus Patientendaten und Forschung gewonnen werden, sollen zudem alle Ärzte von Amrum bis Zwickau zielsicher auf gleichem Niveau behandeln. Es geht also im klassischen Sinne um Qualitätssicherung, darum, Medizin und Managementmethoden zusammenzubringen.

Medizinischer Rat via Internet und Call Center

Mittlerweile hat sich eine Handvoll neuer Gesundheitsdienstleister gegründet, die, ebenso wie Krankenkassen, einen großen Personalbedarf haben. So beschäftigte die Wiesbadener Medvantis Medical Services, ein Tochterunternehmen der Winterthur Insurance und DBV-Winterthur Holding, vor knapp zwei Jahren zehn Mitarbeiter, inzwischen sind es 180. Ende des Jahres sollen es mehr als 300 Mitarbeiter sein. Der Gesundheitsdienstleister betreut derzeit 10,6 Millionen Versicherte.

Kräftig wächst auch der Anbieter Gesundheitsscout24, der via Internet und Call Center medizinischen Rat erteilt. Mehr als 70 Fachärzte und Pharmazeuten beantworten täglich die Fragen von fast 4 000 Anrufern. Eine Jobalternative für Ärzte, die genug von 36-Stunden-Wochenenddiensten haben. Und das scheinen eine Menge zu sein. In diesem Jahr soll die Mannschaft auf 150 Mediziner aufgestockt werden - und die Rekrutierung läuft flüssig. "Neben dem Arzttermin wird der Anruf beim medizinischen Call Center bald fester Bestandteil der ärztlichen Versorgung in Deutschland sein", ist sich Olav Skowronnek, Geschäftsführer des drei Jahre alten Kölner Unternehmens, sicher.

Das Berliner Unternehmen onkocom bietet eine aufwändige Betreuung von Krebskranken an. Case-Manager helfen, den richtigen Therapeuten zu finden, recherchieren neueste medizinische Erkenntnisse und unterstützen Erkrankte dabei, ihren Alltag zu organisieren. Eine personalintensive Dienstleistung (aus den 20 Case-Managern sollen bis zum Jahresende 50 werden), für die keine Kasse zahlt.

Krankheiten managen

Dabei wird gerade hier klar, weshalb es sinnvoll ist, Krankheiten zu managen. Allzu häufig wird bei Brustkrebspatienten herumlaboriert. Kürzlich wurde an 20 Münchner Kliniken untersucht, wie Ärzte eine Form von Brustkrebs therapieren würden: Von keiner, einer teilweisen bis zur totalen Operation gab es alle Behandlungsvorschläge. Diese Form von Willkür will onkocom eindämmen, indem die Firma gezielte Therapieprogramme entwickelt und Betroffene berät.

Dabei arbeiten die Gesundheitsmanager mit einem speziellen Knowledge-Management-System. "Diese Datenbank ist wesentlich für die Qualitätssicherung, weil dadurch Behandlungen nicht mehr zufallsabhängig sind, wie im Gesundheitswesen üblich, wo das Wissen allein in den Köpfen von Medizinern steckt", erklärt Geschäftsführer Schöning.

So kehrt Qualitätsmanagement (QM) in die medizinische Beratung ein. Für den ehemaligen Arzt Schöning ist das dringend notwendig: "Es kommen noch reihenweise Patienten zu Schaden, weil die Qualität nicht gesichert ist." Das erkennen auch die Versicherungen. Klaus-Dieter Dombke, Direktor für Leistungen bei der Axa, hat daher neun Case- und Disease-Manager aus den eigenen Reihen rekrutiert und wird das Team noch um drei Stellen erweitern. Gefragt aber rar: Versicherungskaufleute mit medizinischem Wissen. Christopher Hermann, Vorstandsmitglied der AOK Baden-Württemberg, die ein DMP für 170 000 Diabetiker aufgelegt hat, erwartet Engpässe auf dem Arbeitsmarkt: "Die Nachfrage nach Case- und Disease-Managern wird explosionsartig ansteigen. Dann stellt sich das Problem, wie sie gut ausgebildet werden können."

Breites Repertoire

Allein mit Ärzten, denen Themen wie Controlling, Knowledge-Management und Qualitätsmanagement eher fremd sind, ist der Bedarf nicht zu decken. "Auf die Frage, wie man Case-Manager wird, gibt es in der Bundesrepublik zurzeit eine triviale Antwort: Man nennt sich so", krittelt Peter Löcherbach, Rektor der Katholischen Fachhochschule Mainz. Schließlich erfüllten die Kräfte neben ihrer medizinischen Kompetenz eine Reihe von Funktionen: "Der Case-Manager muss analysieren, Ziele formulieren, koordinieren, Netzwerke aufbauen, Systeme steuern, vermitteln und Anwalt sein, also über ein breites Repertoire an Managementmethoden verfügen."

Fähigkeiten, die die Katholische Fachhochschule Mainz in einem Zertifikatskurs zum Case-Manager vermittelt. "Es entsteht ein neuer Weiterbildungszweig", sagt Löcherbach, "der möglicherweise zu einem Masterstudiengang an der Hochschule wird."

Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg, zumal sich ein Teil der Gesundheitslobby noch nicht mit DMP anfreunden kann. Dabei verstehen sich die neuen Dienstleister nicht als Konkurrenz oder Kontrolleure von Kliniken und Ärzten, sondern als deren Koordinatoren und Informanten. Dennoch sind die Kritiker in Weiß skeptisch, sprechen von "Checklistenmedizin". DMP-Fachmann Peter Löcherbach wiegelt ab und sagt: "Beim Case-Management werden nicht Menschen, sondern Situationen gemanaged."

Weitere Informationen über das Berufsbild und die Ausbildung zum Case-Manager finden Sie im Internet unter www.case-manager.de.

Quelle: Handelsblatt

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