Neue Jobs in Japan
Fräulein Kanno schabt im Ohr

Japans Arbeitslosenquote strebt gerade eine Marke von unter vier Prozent an. Ausschlaggebend dafür ist die starke Entwicklung im Servicesektor. Denn Japan schafft ganz neue Jobs - etwa als Gehörgangputzer.

TOKIO. Der Gehörgang schimmert am Rande rosa und ist in der Mitte braun verklumpt. "Ach je, hier ist es etwas verhärtet", sagt Fräulein Kanno und kratzt an dem verhärteten Klumpen herum. Die Ohrpflegerin sitzt mit Mundschutz und weißem Kittel neben ihrem Kunden auf einem Hocker. Der Kunde seinerseits starrt auf einen Fernseher vor sich: Dort sieht er eine Live-Übertragung aus seinem Hörorgan - Fräulein Kannos Ohrlöffelchen trägt eine medizinische Mini-Kamera an der Spitze. Wir sind in Japan, im Land der Flachbildschirme, des Ohrenputzens und der unbegrenzten Dienstleistungen.

Dass Japan eine Service-Großmacht ist, steht nach einem Blick auf eine beliebige Bahnstation fest: Dort stehen an der Sperre vier bis fünf Angestellte stramm herum, obwohl die Fahrkartenkontrolle voll automatisiert ist. Und kein Mensch schleppt hier 20 Kilo Gepäck selbst zum Flughafen oder ins Hotels des Ferienortes: Dafür gibt es doch Zustelldienste, die auch junge Leute gerne in Anspruch nehmen. Am Wegesrand bieten kleine Läden wie "Lovely Ladies Shave" ihre Dienste an. Kein Wunder, dass die Arbeitslosenquote gerade auf dem Weg zu einer Marke unter vier Prozent ist. Häufig ist der Service sehr hoch entwickelt. Einfaches Schuheputzen, das kann auch eine Maschine erledigen. Doch eine sanfte Gehörgangreinigung, das kann nicht jeder.

Der Ohren-Salon, in dem Frau Kanno arbeitet, läuft ausgesprochen gut, obwohl er erst im Dezember aufgemacht hat. Dazu trägt auch die Lage in Tokio zwischen einem Wolkenkratzerviertel und einer bunten Geschäftsgegend mit Restaurants, Elektroläden und Animierbars bei. Unten an der Straße weist ein grünes Schild mit einem stilisierten Ohr auf das Geschäft hin. Eine rostige Wendeltreppe führt zu "Ohren-Sauber" hinauf, vorbei an "Dr. Foot" im ersten Stock, dessen Werbebilder mehr als eine gewöhnliche Fußmassage versprechen. Zu manchen Tageszeiten müssen die Kunden bei "Ohren-Sauber" eine Stunde warten, bevor sie an die Reihe kommen. Der Vorraum mit Platz für sechs Wartende beruhigt durch sanftes Grün, aus den Lautsprechern kommt romantische Disney-Filmmusik. Neukunden füllen ein Formular aus: Ohrenkrankheiten? Häufigkeit der Ohrreinigung? Ohrtyp? Mit einer Shiatsu-Massage zusammen dauert der Service 20 Minuten und kostet 14 Euro. Heute ist Samstag, in der Warteecke sitzen junge und mittelalte Männer und Frauen in Straßenkleidung mit Einkaufstüten.

Fräulein Kanno warnt zu Beginn, dass die Behandlung gefährlich sein kann und der Kunde sich sofort melden soll, wenn etwas wehtut. Das linke Ohr des deutschen Kunden geht noch. An den Wänden klebt etwas Schmalz. Dann, im rechten Ohr, die Verhärtung. Haruko Kanno macht Laute des Erstaunens, so etwas sieht sie nicht oft. Japanische Eltern kratzen die Ohren ihrer Kinder mit einem Löffelchen aus, und auch die Erwachsenen betreiben stochernde Gehörganghygiene. Doch auch der ausländische Härtefall stellt Frau Kanno nicht vor ein echtes Problem, Ohrpflegerin ist in Japan ein Ausbildungsberuf. Nach der Behandlung hört das Ohr wirklich besser. Ihre Empfehlung für die Zukunft: wie die anderen Kunden zweimal monatlich vorbeikommen. Dank Punktekarte gibt es nach zwanzig Behandlungen eine gratis.

Die Shiatsu-Massage zum Schluss entspannt durch und durch. Doch für japanische Kunden ist sie nichts Besonderes: Bei jedem Friseurbesuch in Japan ist die Kopfmassage inklusive. Und in der Einkaufspassage am Hauptbahnhof von Tokio werden den Geschäftsleuten Nackenmassagen im Vorbeigehen angeboten. Zum Abschied gibt es von Frau Kanno noch eine Verbeugung. Auf dem Weg zurück auf die Straße kommt man wieder an "Dr. Foot" vorbei, aus dessen Glastür gerade ein selig lächelnder Kunde tritt. Diese Dienstleistung muss man wohl auch mal ausprobieren. Und um die Ecke, war da nicht ein verheißungsvolles Firmenschild mit einer Nase drauf?

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%