Neue Konkurrenz für Viagra
Potenzpillen: Mindestens 24 Stunden

Bayer und der US-Konzern Eli Lilly bringen eigene Mittel zur Stärkung der Manneskraft auf den Markt. Der Viagra-Hersteller Pfizer wehrt sich.
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DÜSSELDORF. Der Mann, auf dem die Hoffnungen des Bayer-Konzerns ruhen, trägt Hornbrille, Rollkragenpullover und einen weißen Bart. Pharmaforscher Erwin Bischoff, 58, hat gemeinsam mit Kollegen eine Potenzpille entwickelt, die besser als Viagra wirken soll. Schon in der zweiten Jahreshälfte will Bayer das Männermedikament in den USA einführen, Anfang 2003 dann in Europa. Dann will Bischoff auch selbst einmal ausprobieren, woran er jahrelang geforscht hat.

Nuviva, so der voraussichtliche Name der Potenzpille, soll aber nicht nur Manneskraft, sondern auch den Kurs der Bayer-Aktie wieder steigen lassen - nach all dem Arger über sinkende Gewinne, gekürzte Dividenden und der Diskussion über möglicherweise tödliche Nebenwirkungen des inzwischen zurückgezogenen Cholesterinsenkers Lipobay. Ob der neue Bayer-Chef Werner Wenning Erfolg hat, hängt maßgeblich von der pfirsischfarbenen Potenzpille ab. Allzu viele neue Präparate haben die Leverkusener nicht zu bieten. "Wenn Nuviva floppt, wird es für Bayer im Pharmageschäft eng", sagt ein Unternehmensberater.

Vor einem ähnlichen Problem steht Sidney Taurel, Chef des US-Pharmakonzerns Eli Lilly. Jahrelang hat das Unternehmen aus Indianapolis mit dem Antidepressivum Prozac gut verdient. Doch inzwischen ist das Patent ausgelaufen, die Konkurrenz drängt ins Geschäft, die Lilly-Gewinne brechen ein. Auch Taurel braucht dringend einen Knüller - und glaubt, ihn mit dem Impotenz-mittel Cialis gefunden zu haben. Die ockerfarbene Pille, die Lilly und sein Partnerunternehmen Icos gemeinsam entwickelt haben, soll mindestens 24 Stunden lang, immer mal wieder, für gute Erektionen sorgen - und so erschlafften Männern schon mal durchs Wochenende helfen. Noch in diesem Jahr könnte Cialis in Europa erhältlich sein.

Bereits jetzt, lange vor der Einführung, bringen sich die Unternehmen in Stellung. In Indianapolis und Leverkusen tüfteln Pharmamanager bereits an Kampagnen und Strategien zum Arztelobbying. Für Bayer und Lilly geht es um die Potenz ihrer Unternehmen: Sie müssen erklären, warum ihre Pillen besser als Viagra sind. Doch ihr Gegner ist mächtig und hat einen gewaltigen Vorsprung: Seit 1998 schluckten weltweit 17 Millionen schwächelnde Männer in 115 Ländern insgesamt 715 Millionen Viagra-Tabletten. 1,5 Milliarden US-Dollar setzte Hersteller Pfizer im vergangenen Jahr mit der Potenzpille um, von der Playboy-Gründer Hugh Hefner, 75, sagt: "Das ist das Beste, was mir passieren konnte."

Der US-Konzern Pfizer ist nicht nur der größte (32,3 Milliarden Dollar Umsatz), der teuerste (249 Milliarden Dollar Börsenwert), sondern vor allem der aggressivste Pharmakonzern der Welt. So lässt Pfizer-Chef Hank McKinnell gerade jetzt - bevor die Konkurrenz aktiv werden kann -, neue Viagra-Kampagnen starten. Und vor Bayer und Lilly ist ihm nicht bange: "Die Medikamente sind anders zusammengesetzt, aber deswegen müssen sie nicht unbedingt besser sein", erklärt McKinnell selbstbewusst.

Dennoch: Bayer und Lilly haben gute Chancen, in den lukrativen Markt einzudringen. "Viagra wird Anteile verlieren", glaubt Professor Hartmut Porst, der in seiner Hamburger Praxis schon etliche Potenzpillen an Patienten getestet hat.

Analysten erwarten, dass sich die Potenzmittelumsätze bis 2005 verdreifachen - auf fünf Milliarden Dollar. Denn nicht nur Bayer und Lilly haben neue Präparate entwickelt. Die US-Hersteller NexMed und Macrochem wollen bald Potenzsalben anbieten, die innerhalb von Minuten einziehen und wirken sollen. Zahlreiche Unternehmen, etwa der US-Konzern Pharmacia, arbeiten an Substanzen, die am Gehirn ansetzen. Denn ob man es glaubt oder nicht: Von dort kommt tatsächlich der Impuls für sexuelle Erregung - sogar beim Mann. Bislang wirkt erst ein Medikament der Hersteller Abbott und Takeda auf das Gehirn - da es jedoch auch Übelkeit und Müdigkeit verursacht, konnte es nicht überzeugen. Und bis die neuen Präparate auf dem Markt sind, wird es noch etliche Jahre dauern.

In naher Zukunft geht es um Viagra, Nuviva und Cialis - die Mittel wirken allesamt auf den Penis. Die Wirkungsweise der Medikamente ist aber fast das Einzige, was Pfizer, Bayer und Lilly verbindet. Der Dreikampf gewinnt an Brisanz, weil sich die Konzernmanager nicht leiden können. Viele Leverkusener Führungskräfte haben nicht vergessen, wie gnadenlos Pfizer die Bayer-Krise im vergangenen Sommer ausnutzte: Mit großen Anzeigen warben die Amerikaner um ehemalige Lipobay-Patienten.

Auch Lilly und Pfizer schenken sich nichts - beide Unternehmen konkurrieren etwa bei Mitteln gegen Depressionen und Schizophrenie. Pfizer-Leute streuen schon mal, dass Lillys Schizophreniepräparat Zyprexa dick mache. Lilly-Manager lassen durchblicken, dass Pfizer-Präparat Gedeon könne tödliche Nebenwirkungen heraufbeschwören. Im November 2000 erreichten Lilly-Juristen vor dem obersten britischen Zivilgericht, dass Pfizer ein wichtiges Patent auf einen Viagra-Inhaltsstoff verliert. Konzernchef Taurel stichelt gegen den Konkurrenten: "Natürlich ist Pfizer beim Marketing exzellent. Aber aus ihrer Pipeline kommen nicht immer die besten Medikamente."

Neid, dass der andere den größeren Umsatz hat? Immerhin verkauft Pfizer acht Präparate, die jeweils mehr als eine Milliarde Dollar pro Jahr einbringen - eines davon ist Viagra, dessen Bekanntheit der selbstbewusste Konzernchef Hank McKinnell schon mal mit Coca-Cola vergleicht.

Dennoch hat Viagra erst einen Bruchteil des Marktes erreicht. Weltweit leiden mehr als 100 Millionen Männer an erektiler Dysfunktion (wie der medizinsiche Fachbegriff für Impotenz lautet), doch weniger als zehn Prozent davon lassen sich behandeln. In Deutschland sind etwa fünf Millionen Patienten betroffen; immerhin etwa eine Million haben dazu schon ihren Arzt konsultiert. Noch immer leiden viele Männer - und ihre Partnerinnen - lieber, als mit ihrem Arzt über das Tabuthema zu sprechen.

Genau darin sehen Bayer und Lilly ihre Chance: "Je mehr Mittel es auf dem Markt gibt, um so mehr werden Potenzstörungen von Betroffenen als behandelbares Leiden wahrgenommen, umso größer wird der Markt", hofft Abbas Hussain, Deutschland-Geschäftsführer von Eli Lilly. Das Kalkül könnte aufgehen: Investmentbanker von Goldman Sachs schätzen den maximalen Umsatz des Bayer-Präparates Nuviva auf 800 Millionen Euro, für das Lilly-Mittel Cialis erwarten sie sogar eine Milliarde Euro.

Für den Münchner Urologen Axel-Jürg Potempa ist der Vorteil der 24-Stunden-Pille von Lilly klar: "Die Patienten können ihre Sexualität wieder unabhängig von zeitlicher Planung ausleben. Die unterschwellige Befürchtung, die Wirksamkeit könne im schönsten Moment nachlassen, fällt weg."

Doch sicher können sich die Lilly-Manager über den Erfolg ihrer Pille nicht sein: In den USA verzögert sich die Zulassung, die Gesundheitsbehörde FDA hat zusätzliche Studien angefordert. So soll etwa die Wirkung eines bestimmten Enzyms auf das Herz noch ungeklärt sein. Ursprünglich sollte Cialis schon in wenigen Wochen amerikanischen Patienten verschrieben werden.

Bayer wird seine Pille Nuviva in den USA wohl zuerst auf den Markt bringen. "Unsere Substanz Vardenafil ist wirkstärker als Viagra, daher kommen wir mit deutlich niedrigeren Wirkstoffdosierungen aus", behauptet Bayer-Projektleiter Wolfgang Barth, der in den vergangenen Jahren die Entwicklung des Potenzmittels vorangetrieben hat. Auch bei einigen Nebenwirkungen könnte Bayer besser abschneiden: Während es manchen Viagra-Patienten schon mal blau vor Augen wird, traten in den klinischen Studien mit der Bayer-Pille solche Sehstörungen nur in sehr geringem Maße auf. Allerdings ähnelt die Molekülstruktur des Wirkstoffes Vardenafil dem Viagra-Wirkstoff Sildenafil schon sehr. Konkurrenten bezeichnen es als "Me-too-Produkt".

Eine Studie, die alle drei Präparate miteinander vergleicht, gibt es nicht. Klar ist jedoch, dass sie mit Vorsicht einzunehmen sind: "Bei Herzpatienten, die gleichzeitig noch Nitratmedikamente nehmen, können die Potenzmedikamente tödlich wirken", warnt Professor Porst. In seinen Studien hat der Hamburger Urologe auch einen ähnlichen Wirkungsgrad festgestellt: "Alle drei Medikamente haben jeweils bei 75 Prozent der Versuchsteilnehmer angeschlagen."

Warum gerade ihre Pille besonders gut wirkt, müssen die Konzerne in den nächsten Monaten den Arzten und Patienten erklären. Bayer hat sich dazu Verstärkung geholt: Die Leverkusener konnten GlaxoSmith-Kline, nach Pfizer der zweitgrößte Pharmakonzern der Welt, als Partner für die Vermarktung gewinnen. "Für uns war die Vertriebs-Power von GlaxoSmithKline ausschlaggebend", sagt Bayer-Manager Barth. Das britische Unternehmen beschäftigt in den USA über 8000 Außendienstmitarbeiter, die ihre Arzte intensiv bearbeiten.

Reichlich Gelegenheit, die Mediziner zu beeinflussen, bieten auch die zahlreichen Fachkongresse. Erst im Februar traf sich die "European Association of Urology" in Birmingham, wo Bayer und Glaxo schon gemeinsam auftraten; auch Lilly hielt dort ein Symposium ab. Im April unterstützte Bayer dann den Kongress "The Management of Male Sexual Dysfunction" in Monaco.

"Der Markt wird aber nicht nur von den Medizinern, sondern vor allem von den betroffenen Männern entschieden", glaubt Professor Porst. In Deutschland dürfen die Unternehmen aber nicht zu offensichtlich für ihre Mittel werben, sondern nur allgemeine Aussagen über Krankheiten machen. Wie sich die Spielräume des Heilmittelwerbegesetzes geschickt ausnutzen lassen, führt der Viagra-Hersteller Pfizer vor.

Die Amerikaner lassen derzeit in TV-Spots, die auch im deutschen Fernsehen laufen, den ehemaligen brasilianischen Fußballstar Pelé auftreten. Dreimal war Pelé Weltmeister, schoss insgesamt 1283 Tore in 1364 Spielen. Dazu: zwei Ehen, insgesamt sechs Kinder, davon zwei uneheliche. Für Pfizer schreitet der mittlerweile 61-Jährige noch mal durch das Maracana-Stadion in Rio de Janeiro. Dann Schnitt. Pelé in der Umkleidekabine. "Hier haben wir über vieles gesprochen, nur nicht über Erektionsstörungen. Wenn ich damit ein Problem hätte, ich würde zum Arzt gehen", sagt seine deutsche Stimme. Ganz unten, kaum zu sehen, ist das Logo eingeblendet: "Der gesunde Mann. Eine Initiative von Pfizer."

"Männer lassen sich über Sport nun mal besser ansprechen. Pelé soll 40-60-Jährige erreichen und ihnen Mut machen", erklärt Pfizer-Geschäftsführer Walter Köbele, zuständig für das Pharmageschäft in Deutschland. Der Spot soll etwa 75 Prozent der Zielgruppe erreichen, eine Printkampagne wird bald folgen. Natürlich, sagt Köbele, "ist der Zeitpunkt bewusst gewählt".

Die nächste Aktion - gegen die drohende Konkurenz - hat Pfizer schon gestartet: Seit dem 7. Mai lassen die Amerikaner einen Truck in insgesamt 30 deutsche Städte rollen. Sie halten an Marktplätzen und in Fußgängerzonen und verwandeln sich dort in mobile Arztpraxen: Mediziner bieten Gesundheits-Checks für Männer an, messen Blutfettwerte, checken Herz und Kreislauf. Wieder unter dem Motto "Der gesunde Mann" sollen Patienten rechtzeitig auf Pfizer-Präparate aufmerksam werden.

"Wenn Bayer und Lilly klug sind, positionieren sie sich nicht allzu deutlich gegen Viagra", erklärt Köbele. Pfizer weiß sich gegen die neuen Wettbewerber zu wehren. Selbstbewusst fügt er hinzu: "Im Markt ist Platz für verschiedene Medikamente. Aber Viagra wird vorne bleiben."

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