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Neue Konservative braucht das Land

Gibt es etwas Spannenderes als den wochenlangen Koalitionspoker in Deutschland nach der Wahl? Natürlich nicht. Aber nur etwas weniger interessant ist derzeit die Selbst-Demontage der Konservativen in Großbritannien zu beobachten, einer einst stolzen Partei.

Gibt es etwas Spannenderes als den wochenlangen Koalitionspoker in Deutschland nach der Wahl?
Natürlich nicht. Aber nur etwas weniger interessant ist derzeit die Selbst-Demontage der Konservativen in Großbritannien zu beobachten, einer einst stolzen Partei.

Die Konservativen suchen einen neuen Parteichef. Spannend daran ist nicht so sehr das Verfahren. Im Gegenteil, der Prozess könnte lähmender kaum sein. Nach dem angekündigten Rückzug von Michael Howard ist die Partei seit Monaten damit beschäftigt, einen Nachfolger zu finden. Mittlerweile haben sich die Tories "schon" auf einen Wahlmodus geeinigt; gefragt werden nun die Mitglieder. Wie es am Ende auch ausgeht: Der Sieger muss die interessanteste Frage erst noch beantworten. Braucht noch jemand die Partei eines Winston Churchill und einer Margaret Thatcher?

Was wie eine rhetorische Frage klingt, wird nicht leicht zu beantworten sein. Dass sich Kenneth Clarke, ein Ex-Gesundheitsminister im Thatcher-Kabinett im Rentenalter, als größte Hoffnung handeln lässt, spricht Bände. Die übrigen Kandidaten sind nicht geeignet, einen Labour-Regierungschef Tony Blair in Verlegenheit zu bringen. Selbst wenn sie mit dem aus heutiger Sicht wahrscheinlichen Nachfolger Gordon Brown leichteres Spiel hätten: Die Krise der Konservativen geht tiefer.

New Labour hat sich die Errungenschaften der Thatcher-Ära (der eigenen PR-Maschinerie zufolge) längst zu eigen gemacht: Niedrige Steuern, hohe Flexibilität am Arbeitsmarkt, im allgemeinen weniger Staat. Selbst den von Jugendlichen wieder stärkeren Wunsch nach traditionellen Werten - sie halten Ehe, Patriotismus und die königliche Familie hoch und fordern keine Toleranz bei Drogen sowie harte Strafen gegen Kriminelle - verbinden Teenager weniger mit einer Partei, als den Tories lieb sein kann. Was im politischen Sinne konservativ ist, ist so ganz anders als die Propaganda der "konservativen Taliban" (Tory-Mitglied Alan Duncan) vermuten lassen. Diese nährt im Land nur den Verdacht, dass die Konservativen, einst im Amt, so bald wie möglich die verhaltenen sozialen Errungenschaften der vergangenen Jahre ausradieren und mit einem viel zu harten Einsatz gegen jeden vorgehen, der nicht ihrem (überholten) Menschenbild entspricht - seien es Homosexuelle, "verd&aum l;chtige" Muslime oder auch nur Euro-Befürworter.

Man kann es auch positiv formulieren. Wenn die Konservativen eine Antwort finden und wieder auf die Beine kommen, können sie ein Vorbild für andere Länder sein. Auch anderswo in Europa deutet sich ein neuer Begriff des Konservativen an, wie schwarz-gelb-grüne Farbenspiele in Deutschland zeigen. Auch dort gibt es noch keine Antwort auf verwirrend neue Tendenzen. Ob die Konservativen wirklich auf die Beine kommen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Mittlerweile bekommen die Tory-Mitglieder schon Ratschläge vom politischen Gegner, welchen der Kandidaten sie zum neuen Parteichef wählen sollen. Wer so tief sinkt, kann kaum die Kraft für innere Reformen finden.

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