Neue Medien
Bild-Störung

Viele Benutzer des Internets haben einen eigenen Blog. Der wohl bekannteste ist der Bild-Blog, eine Seite, die auf Verfehlungen der Boulevardzeitung eingeht. Dabei existieren die Publikationen und deren Kritik symbiotisch. Dies wiederum könnte auch symptomatisch sein – für künftige Projekte.

Geht es um die Bild-Zeitung und das Bild-Blog, ist schnell von David gegen Goliath die Rede. Hier der Auflagenriese, dort ein kleines Häuflein rastloser Rechercheure, die täglich im Netz über die Verfehlungen des Boulevardblatts Buch führen. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich jedoch eine ganz andere Verbindung: Die kleine und die große Publikation leben in einer symbiotischen Beziehung. Die inhaltliche Nahrung des BildBlogs, all die zurechtgebogenen Fakten, Auslassungen, Unrichtigkeiten und Entgleisungen, wird zu 100 Prozent von der Bild-Redaktion angeliefert – und zwar kostenlos. Im Umkehrschluss bedeutet das: Würde eines fernen Tages die Bild-Zeitung eine Schlussredaktion einführen und die eigenen journalistischen Leitlinien sowie den Pressekodex ein wenig ernster nehmen, müsste das Bild-Blog augenblicklich seinen Server abschalten.

Immerhin rund 1,5 Millionen Menschen interessieren sich jeden Monat für das journalistische Sündenregister der Bild-Zeitung. Diese Zahlen liegen zwar um den Faktor 28 unter der monatlichen Leserschaft von Bild.de, trotzdem hat das Bild-Blog als kleine, selbstgestrickte Web-Publikation damit die gleiche Flughöhe erreicht, in der sich ansonsten professionelle Online-Redaktionen tummeln.

Wer wissen will, wie das Internet unsere mediale Welt künftig in die Mangel nimmt, findet hier reichlich Gedankenfutter. Erkenntnis eins: Mit stimmigem Ansatz und persönlichem Einsatz können unabhängige Publizisten im Netz ein beachtliches Stammpublikum erreichen. Zweitens: Das Web ermöglicht journalistische Formate, die einst undenkbar waren. Als Flugblatt, Fanzine oder Kolumne würde das Bild–Blog kaum funktionieren. „Mutualismus“ nennt der Biologe Symbiosen, aus denen beide Lebensformen Vorteile ziehen. In der Tat: Zumindest in der Online-Redaktion von Bild scheint das Bild-Blog Pflichtlektüre zu sein. Die protokollierten falschen Altersangaben, Rechenfehler und Schlunzigkeiten verschwinden meist kurz danach aus dem Online-Angebot der Bild. Eine verschickte Rechnung für die Inanspruchnahme des Bild-Blogs als „externes Korrektorat“ ignorierte Bild.de jedoch lieber. Die richtigen Umgangsformen im neuen medialen Ökosystem müssen wohl noch gefunden werden.

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