Neue Partei „Die Linke“
Das kleine Präsent der Verdi-Frau

Nur verhalten feiern Linkspartei und WASG ihre Vereinigung. Der Beifall auf dem Gründungsparteitag steht mehr für Hoffnung als für Euphorie. Zu unsicher sind sich die Sozialisten, ob sie bei Wahlen eine echte Chance haben. Gregor Gysi fordert deshalb mehr Seriosität und Lebendigkeit.

BERLIN. Die angegraute Endfünfzigerin, die gegen Mittag die knallrot gerahmte Bühne im Berliner Estrel-Hotel betritt, verkörpert am Geburtstag der Neuen Linken deren größte Hoffnung - doch das Präsent zur Geburt ist bescheiden: Tapfer und trocken zollt Margret Mönig-Raane, zweite Frau der mächtigen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, den frisch vereinigten Linken "Respekt", wünscht sogar "Mut und viel Erfolg". Dass der zentral an der Zuwendung der Gewerkschaften hängt, ist der früheren HBV-Chefin klar. Doch Mönig-Raane bleibt neutral: "Gewerkschaften brauchen Bündnispartner" - zum Beispiel für den Mindestlohn. Ob die auf ewig nur in ihrer eigenen Partei, der SPD, sitzen oder vielleicht auch in der Linken, lässt sie offen.

Heftig hatten Lafontaine & Co. vor dem Gründungsparteitag um die mächtigen Gewerkschaftsbosse aus der ersten Reihe geworben. Doch DGB-Vorsitzender Michael Sommer und IG Metall-Chef Jürgen Peters widerstanden. Zu groß sei der Gegendruck der SPD gewesen, ätzen die Linken.

So muss sich Wahlkampfleiter Bodo Ramelow mit dem Hinweis begnügen, er habe "einen Stapel neuer Aufnahmeanträge aus der IG-Metall-Zentrale" bekommen. Klaus Ernst jedoch, der Schweinfurter IG-Metall-Bevollmächtigte und Gründer der WASG, die nun schon Teil der Linken ist, ärgert sich. Die Gewerkschaftschefs würden schon noch merken, dass hier ein "neuer Partner" bereit steht. "Wir sind keine Stiefmutter für die Gewerkschaften", ruft der Bayer trotzig in den Saal.

Samstag. 16. Juni, um 16.33 Uhr sind die ostdeutsche Linkspartei/PDS und die westdeutsche WASG zur "Linken" vereint. Nun wollen die ungleichen Partner, schon seit 2005 gemeinsam im Bundestag, den Westen aufrollen.

Führen wird sie einzig Oskar Lafontaine - sein trockener Co-Vorsitzender Lothar Bisky spielt nach außen schon jetzt keine Rolle mehr. Frenetischer Beifall unterbricht den Saarländer immer wieder. Der in die zweite Reihe verdrängte Gregor Gysi lauscht mit säuerlicher Miene, wie der Ex-Vorsitzende der SPD das Kunststück vollbringt, so zu tun, als sei er nie in der SPD gewesen. Er reiht sich und die Linke ein in die Tradition der deutschen Arbeitserbewegung, lässt die Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hochleben und predigt die "Verhinderung wirtschaftlicher Macht". Gelten lässt er einzig die Ikone Willy Brandt.

Nein, nicht nur "Freiheit und Sozialismus", wie Gysi formuliert, will Lafontaine, sondern "Freiheit durch Sozialismus". So verortet wettert er gegen die "Reformchaoten" an der Regierung, die " die Renten- und Arbeitslosenversicherung zerstört und die Krankenversicherung schwer beschädigt haben". Doch jetzt sei Schluss, jetzt gebe es die Linke, "die einzige Stimme, die denen wieder Hoffnung gibt, die nicht mehr zur Wahl gehen".

Der brandende Beifall steht mehr für Hoffnung als für Euphorie und echten Schwung. Feiern wollen die Linken vorerst weder sich noch ihre Anführer. Nach dem Vereinigungsbeschluss - den nur ein Delegierter ablehnte - dürfen sie gerade einmal zwei Minuten zu heißen Rhythmen klatschen. Auch Lafontaine und Bisky - mit 88 und 83 Prozent gewählt - werden nur knapp gefeiert. "Schließlich stehen Wahlkämpfe vor der Tür", erstickt das Tagungspräsidium jeden Rausch im Keim. Zu unsicher sind sich die Sozialisten, ob sie eine echte Chance haben. Auch weil sie so ganz anders ticken, und sich erst "den einen einen Schuss Seriosität, den anderen einen Schuss Lebendigkeit" verpassen müssen, wie Gysi süffisant formuliert. Und weil die aus dem Osten dem Oskar noch immer heftig misstrauen, fürchten, sie seien ihm nur Mittel zum Zweck. Nicht umsonst hat der Linken-Führer sogar die Bibel bemüht: "Du sollst deinen Genossen lieb haben."

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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