Neue Produkte machen Optionsscheinen Konkurrenz
Anleger schalten den Turbo ein

Mit Turbo-Zertifikaten wetten Anleger einfacher als mit Optionsscheinen auf steigende oder fallende Kurse. Die Papiere sind aber ebenfalls riskant und erfordern ständige Beobachtung.

DÜSSELDORF. "Vergessen Sie Optionsscheine!" Sehr offensiv wirbt ABN Amro für ihre neueste Erfindung namens "Turbo-Zertifikate". Die Bank vermarktet die Produkte als transparente Alternative zu den besonders in Deutschland beliebten Puts und Calls. Neben den Niederländern sind mittlerweile auch andere Emittenten wie BNP, Deutsche Bank und Commerzbank nachgezogen und bieten turbo-ähnliche Produkten an. Am Markt stoßen sie damit offenbar auf Akzeptanz: Die Stuttgarter Optionssheinbörse Euwax berichtet über "enorm gestiegene Umsätze" in den Papieren. "Bei einigen Turbos haben wir an manchen Tagen mittlerweile mehr Umsätze als bei den beliebtesten Optionsscheinen", sagt Euwax-Händler Florian Schopf.

Gemeinsam ist beiden Produkten ihr spekulativer Charakter: Zwar eignen sie sich auch zur Depotabsicherung, die meisten Anleger nutzen sie jedoch wegen ihrer Hebelwirkung als hochriskantes Wettinstrument auf Aktien oder Indizes. Optionsscheine sind dabei das kompliziertere Produkt. In die Preise der Puts und Calls fließen neben der Bewegung des Basiswerts eine Reihe weiterer Parameter ein. Vor allem die Schwankungsbreite am Aktienmarkt (Volatilität) macht dabei so manchem Anleger einen Strich durch die Rechnung. Durch den Rückgang der allgemeinen Kursschwankungen kann es zum Beispiel sein, dass ein Kaufoptionsschein an Wert verliert, obwohl das zu Grunde liegende Wettobjekt an der Börse an Wert gewinnt - eine Tatsache, die mitunter weniger kundige Optionsscheinkäufer zu wütenden Protestanrufen bei den Emittenten verleitet.

Bei den Turbo-Zertifikaten hat die Volatilität dagegen keinen direkten Einfluss auf die Preise. Steigt der zu Grunde liegende Basiswert um einen Punkt, steigt auch das Turbo Zertifikat um einen Punkt. Der Hebeleffekt der Papiere resultiert aus dem im Vergleich zu einer Direktanlage geringeren Kapitaleinsatz. Ein Beispiel: Steht der Dax bei 5 000 Punkten, würde ein normales Zertifikat auf das Kursbarometer bei einem Bezugsverhältnis von 1 zu 100 eigentlich 50 Euro kosten. Ein Turbo-Zertifikat ist allerdings mit einem Wertpapierkredit ausgestattet, der zum Beispiel 45 Euro betragen kann. Anleger zahlen daher nur 5 Euro für das Papier, hinzu kommen noch 3,63 Euro Aufgeld. Das sind die Finanzierungskosten für den Kredit bis zum Ende der Laufzeit, von denen die erwarteten Dividenden abgezogen wurden. Der Preis des Zertifkats liegt also bei 8,63 Euro statt 50 Euro. Steigt der Dax um 300 Punkte (6 %) auf 5 300 Punkte, klettert auch das Zertifikat um 3 Euro (300:100) und kostet nunmehr 11,63 Euro. Durch die Hebelwirkung hat der Anleger aber 34 % statt nur 6 % verdient.

Futures für Privatanleger

Bei fallenden Kursen wirkt sich der gleiche Mechanismus allerdings auch in die andere Richtung aus, was Turbo-Zertifikate ebenso wie Optionsscheine zu einem extrem risikoreichen Investment macht, das ständig beobachtet werden sollte. Im Zeitverlauf verlieren die Turbos darüber hinaus jeden Tag ein wenig an Aufgeld, weil der Kredit an Wert verliert.

Im Prinzip sind die Turbo-Zertifikate nichts anderes als für Privatanleger verpackte Futures. Diese Geschäfte werden von Profis an den Terminbörsen getätigt und besitzen wegen der Pflicht, eventuell mehr Geld "nachzuschießen" - ein theoretisch unbegrenztes Verlustpotenzial. Bei den Zertifikaten wurde dies verhindert: Erreichen die Papiere eine bestimmten Verlustschwelle, wird eine Notbremse ausgelöst. Fällt der Dax im genannten Beispiel unter 4 635 Punkte, werden die Papiere fast wertlos ausgebucht.

Die Knock-Out-Schwelle birgt Gefahren

Die meisten Zertifikate gibt es auch in einer "Bären"-Variante. Dabei profitieren die Anleger von fallenden Kursen, werden aber rausgekegelt, wenn das Basisinstrument eine bestimmte Schwelle überschreitet.

Bei aller Branchen-Euphorie gibt es jedoch auch kritische Stimmen zu den Produkten. "Die Knock-Out-Schwelle kann Anlegern schnell gefährlich werden", sagt Dirk Heß vom Optionsschein-Marktführer Citibank, der selber nicht plant, Turbo-Zertifikate auf den Markt zu bringen. Bei normalen Optionsscheinen bestehe nicht die Gefahr, bei einem plötzlichem Ausreißer seinen Einsatz komplett zu verlieren.

Durch den Verzicht auf den Volatilitätseinfluss bieten die Papiere auch nicht wie Optionsscheine die Chance, an steigender Volatilität zusätzlich zu verdienen. In Zeiten relativ niedriger Schwankungsbreiten - wie etwa derzeit im Dax - haben Optionsscheinkäufer also einen Vorteil - vorausgesetzt sie kennen sich aus und wählen den richtigen Schein. Wer allerdings "pur" ohne andere Einflüsse auf Kursbewegungen wetten will, ist mit Turbozertifikaten besser bedient.

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