Neue Rolle deutscher Botschafter
Einmischung erwünscht – aber bitte diplomatisch

Der Eklat in Serbien zeigt, wie sehr sich die Rolle deutscher Botschafter verändert hat. Der stille Diplomat, der vor allem Empfänge ausrichtet, ist Vergangenheit. Heutzutage sollen die Botschafter das Gespräch suchen und dürfen sich auch einmischen.

BERLIN. Andreas Zobel gilt im Auswärtigen Dienst als engagierter und meinungsfreudiger Diplomat. Doch nun hat den deutschen Botschafter in Serbien wohl die Höchststrafe für einen Mann auf einem solchen Posten ereilt: Seitdem er in einer Diskussionsrunde für eine bedingte Souveränität des Kosovos eintrat, laufen serbische Medien Sturm gegen die "Einmischung in innere Angelegenheiten". Zobel musste sich in einer eilig angesetzten Pressekonferenz für seine Äußerungen entschuldigen. Dennoch reichte die serbische Botschaft noch am Freitag einen offiziellen Protest in Berlin ein.

Eigentlich hat Zobel grundlegende Spielregeln seiner Zunft verletzt. Denn Diplomaten sollen, anders als Politiker, nicht selbst Nachrichten produzieren. Doch mit Sanktionen muss er wohl nicht rechnen. Auch wenn er in der Diskussionsrunde vielleicht zu offen auftrat: Dass Zobel sich überhaupt öffentlichen und brisanten Diskussionen stellt, ist ausdrücklich erwünscht. Der stille, nur hinter den Kulissen agierende Botschafter, der lediglich Demarchen aus der Hauptstadt überbringt, Empfänge für andere Diplomaten ausrichtet oder blumige Berichte über sein Gastland in die Heimat schickt, ist in der deutschen Diplomatie längst passé.

Schon der frühere Außenminister Joschka Fischer hatte den deutschen Chefdiplomaten die "public diplomacy" als Berufsstil eingeimpft. "Wir ermutigen die Botschafter ausdrücklich, das Gespräch mit der Gesellschaft und den Medien in ihrem Gastland zu suchen", betont auch Martin Jäger, Chefsprecher von Bundesaußenminister Frank Steinmeier. -Walter Wohlwissend, dass es von da oft nur ein kleiner Schritt zur gefühlten "Einmischung" sein kann. Anders als früher gilt deshalb heute als Idealbesetzung auf seinem Posten, wer die Sprache des Gastlandes beherrscht und auch in Fernsehsendungen auftreten kann. Zobel ist deshalb auch nicht der erste Botschafter, der im Ausland aneckt. Vor kurzem geriet Marius Haas, deutscher Chefdiplomat im Libanon, mit Äußerungen zwischen die innerlibanesischen Fronten der Unterstützer und Gegner von Ministerpräsident Fuad Siniora.

Der Stilwechsel hat wenig mit neuer deutscher Geltungssucht zu tun. Die Welt soll nicht am deutschen Wesen genesen. Aber hinter der Anweisung an die Botschafter steckt die Erkenntnis, dass die politische Meinungsbildung heute anders funktioniert als früher. Im Zeitalter der Meinungsumfragen kann politisches Handeln einer Regierung oft besser beeinflusst werden, wenn man die öffentliche Meinung in dem entsprechenden Land für die eigenen Standpunkte einnimmt.

Als Prototyp des neuen Botschafters gilt im Auswärtigen Amt dabei nicht etwa der Exzentriker Wilfried Hofmann, der Anfang der 90er-Jahre als Botschafter in Marokko mit seinem Buch "Der Islam als Alternative" für Aufruhr sorgte. Vorbild ist stattdessen Wolfgang Ischinger, früherer Botschafter in den USA und heute Deutschlands Spitzenmann in London. Denn vor und während des Irakkrieges erklärte der gewiefte Diplomat auf allen US-Fernsehkanälen ruhig, aber engagiert die deutschen Vorbehalte gegen den Feldzug - und bekräftigte gleichzeitig, wie stark ungeachtet des Streits die transatlantische Bande in Wirklichkeit blieben.

Für ungewohntes Aufsehen sorgte allerdings auch Ischinger kürzlich, als er in einem öffentlichen Vortrag hart mit der Bush-Regierung ins Gericht ging. Die linke britische Tageszeitung "Guardian" fand die Kritik derart interessant, dass sie nicht nur einen Meinungsbeitrag aus dem Vortrag bastelte, sondern den Diplomaten Ischinger gleich noch als Nachricht auf die Seite 1 setzte.

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