Neue Sachlichkeit hat Einzug gehalten
Die knorrige Autorität

Trainer Klaus Augenthaler hat bei Bayer Leverkusen einiges geändert - das Team ist Tabellenführer, schrille Schlagzeilen gibt es nicht mehr.

LEVERKUSEN. Eigentor des Gegners in der 84. Minute, Tabellenführung für Bayer Leverkusen nach dem 2:1-Sieg in Frankfurt. Klaus Augenthaler war dennoch sichtlich angefressen. "Es gibt noch viel zu kritisieren und aufzuarbeiten", sagte der Trainer des Siegers. Alle vier Spiele unter seiner Regie hat der Fußball-Bundesligist nun gewonnen, zwei in der abgelaufenen, zwei in dieser Saison. Aber der neue Trainer sieht kaum Grund für Lobeshymnen. Schließlich habe es seine Mannschaft nach der Führung in Frankfurt nicht geschafft "den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Bei diesen Temperaturen muss ich den Gegner laufen lassen."

Ilja Kaenzig will deswegen Alltag vermitteln, Anflüge von Überheblichkeit befallen den jungen Manager von Bayer Leverkusen nicht. Es droht ja immer das Erinnerungs-Monster Vorsaison. Damals spielte das Team zweimal 1:1, in Cottbus und gegen Dortmund, "aber danach ging das erst richtig los", sagt Kaenzig. Um die derzeitige Situation in Leverkusen zu beschreiben, verwendet er daher die favorisierten Substantive seines Chefs Reiner Calmund: "Bleischuhe und Bleiweste anziehen, sagt der immer."

Mit der Verpflichtung Augenthalers hat sich so einiges geändert in Leverkusen, scheint doch mit ihm eine neue Sachlichkeit eingezogen zu sein. Der 45-jährige Weltmeister von 1990 strahlt eine Ruhe aus, die sich überträgt auf den Klub und seine Angestellten, sogar die Zitat-Maschine Reiner Calmund und Sportdirektor Jürgen Kohler standen zuletzt im Hintergrund. Schrille Schlagzeilen jedenfalls sind nicht mehr zu lesen.

Neulich wies Hanno Balitsch vorsichtig darauf hin, dass er sich nicht so gern auf der rechten Verteidigerposition aufhalte, er sehe sich mehr im defensiven Mittelfeld. Augenthaler reagierte auf seine Art. "Balitsch sollte froh sein, dass er in der Mannschaft spielen darf", ließ er wissen. Souveräner kann eine Replik kaum ausfallen. Dass Mittelfeldregisseur Robson Ponte am letzten Spieltag nach überragender Leistung von der Champions League sprach, hat Augenthaler "gespeichert". Er will ihn, sagt er grinsend, bei "passender Gelegenheit darauf festnageln".

Feinheiten sind zu beobachten, die es in dieser Form lange nicht gab: Als etwa Neuville beim Auftaktspiel nach verlorenem Ball einmal nicht sofort nachsetzte, stauchte ihn Augenthaler zusammen, obwohl es 4:1 stand. Respektlosigkeiten erstickt er umgehend mit seiner knorrigen Autorität, die sich speist aus einem WM-Titel und zehn nationalen Titeln. Trotzdem haben sich Augenthaler und die Mannschaft, wie er sagt, "hohe Ziele gesteckt". Des Trainers Vertrag verlängert sich schon bei Platz acht automatisch.

Nur Lucio spricht davon, Meister zu werden, aber der Brasilianer gilt als ein wenig verhaltensauffällig, den nimmt keiner richtig ernst. "Das finde ich gut", sagt der Trainer zu Lucios Zielen. Augenthaler trainiert nach eigener Aussage "den besten Kader, den ich je hatte". Seine Träume bleiben indes vorerst im Verborgenen.

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