Neue Serie: Wellness und Freizeit
Wohltaten für Mensch und Wirtschaft

Der Mensch will sich wohlfühlen. Industrie- und Freizeitbranche haben das erkannt und entwickeln passende Marketingstrategien. Wirtschaftswissenschaftler sehen darin bereits die nächste große Konjunkturwelle.

DÜSSELDORF. Für den Wissenschaftler Leo A. Nefiodow sind die Zeichen unübersehbar: "Überall, wo Dynamik ist, spielt das Thema Gesundheit im weitesten Sinne eine Rolle", stellt er im Gespräch mit dem Handelsblatt fest. "Wellness im Tourismus verzeichnet einen Zuwachs von 100 %", zählt er auf. Auch die Beraterfirma Hotelbiz Consulting fand heraus, dass Luxushotels mit Wellness-Angeboten mit einer Zimmerbelegung von 66 % die höchste Auslastung unter den Top-Hotels aufweisen.

In einer sechsteiligen Serie zeigt das Handelsblatt, welche Branchen schon heute vom neuen Gesundheitstrend profitieren und wo die Reise noch hingehen wird. Zu nennen sind die Kur- und Tourismusbranche, Öko-Nahrungsmittel, neue Perspektiven im Einzelhandel, der Wandel in der Fitness-Branche, Wirtschaftsfaktor Sport und neueste Trends in den Freizeitparks.

Aus Nefiodows Sicht sind der psycho-soziale Gesundheitsmarkt und die Biotechnologie die entscheidenden Basisinnovationen, die in den nächsten 40 bis 60 Jahren - dem sechsten Kondratieff-Zyklus - auf breiter Front für Wachstum sorgen. Noch ist der Gesundheitsmarkt relativ klein, gibt Nefiodow zu. "Mit dem sechsten Kondratieff-Zyklus geht es zunächst nur langsam voran". Eine spürbare Entlastung werde es nach Ablauf der nächsten fünf Jahre geben, sagt er voraus.

Unternehmensberater Roland Berger ist ebenso von den Erkenntnissen des Bonner Wissenschaftslers angetan wie Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement. Und auch die fünf Wirtschaftsweisen finden, dass in einer alternden Wohlstandsgesellschaft steigende Ausgaben für Leistungen rund um die Gesundheit etwas Positives seien. Professor Erich Wintermantel, Ordinarius für Medizintechnik an der TU München, sieht beispielsweise auch die Medizintechnik als wichtigen Faktor des sechsten Kondratieff-Zyklus: "Gesundheitstechnologien werden einer älter werdenden Bevölkerung, die lebenslang den Anspruch auf Gesundheit erhebt, dienen."

Allein in Deutschland hat der Markt rund um Wellness und Gesundheit laut Nefiodow ein Umsatzpotenzial von 50 Mrd. Euro. Eine eher konservative Schätzung, denn nach der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geben die privaten Haushalte etwa ein Viertel ihres verfügbaren Einkommens für Freizeit-Aktivitäten aus, stellt das Institut der deutschen Wirtschaft in seiner Studie Wirtschaftsfaktor Freizeit fest.

Dynamik erhält der Wellness- Markt zum einen durch die Entwicklung der Alterspyramide. So steigt der Anteil der über 50-Jährigen. Diese Bevölkerungsschicht hat Geld und Muße, sich dem eigenen Wohlbefinden zu widmen. Darauf setzen immer mehr Konsumgüterhersteller Reiseveranstalter im gehobenen Genre. Zum andern muss das staatliche Gesundheitssystem seine Leistungen immer stärker zurückfahren, womit die Eigenverantwortung und das Bewußtsein für die eigene Gesundheit geschärft werden - es entsteht der zweite, stark wachsende Gesundheitsmarkt der Selbstzahler, betont Guido Schild, Direktor für Unternehmensentwicklung bei Karstadt-Quelle.

Aus Nefiodows Sicht wird das herkömmliche Gesundheitswesen den Problemen der Menschen ohnehin nicht mehr gerecht, da vor allem die Symptome und weniger die Krankheitsursachen behandelt werden. Die seelischen, sozialen, ökologischen und geistigen Risikofaktoren kämen zu kurz, kritisiert er. Der Wissenschaftler listet auf, dass die Zahl der Erkrankungen vor allem durch den modernen Lebens-, Arbeits- und Ernährungsstil seit Jahren zunimmt. Jeder vierte Jugendliche in Europa leidet unter Allergien, in zehn Jahren werde es jeder zweite sein.

Das veränderte die Einstellung zum Leben. "Man kommt wieder auf das Bodenständige, Nachvollziehbare und Ehrliche zurück", berichtet Ralf Alsfeld, Sprecher des Ökoanbau-Verbands Bioland in Mainz. Große Lebensmittelhändler wie Rewe, Edeka oder Tengelmann fördern seit Jahren ihr Öko-Sortiment. Vor zwei Jahren hat sich auch McDonald?s dem Thema "Öko-Nahrung" zugewandt. Die EU fördert den ökologischen Landbau schon seit 1991.

Als Alternative zur Kur, die nur noch selten von den Krankenkassen finanziert wird, hat die Tourismus- Branche den Wellness-Urlaub als Wachstumsmarkt entdeckt. Die Interessenten der Wellness-Angebote werden immer jünger und auch Männer zeigen mehr Interesse, registriert die Steigenberger Hotel AG. Kurorte sehen im Wellness-Urlaub die Chance, das wegbrechende staatlich finanzierte Kur-Geschäft zu ersetzen.

Gesundheitsdienstleistung wie Massage-Praxen, Kieser-Training, Zahnpflege-Abteilungen oder Optiker sind aus Sicht von Walter Wortmann, Geschäftsführer der Medical Innovations GmbH, ein echter Wachstumsmarkt für Warenhauskonzerne wie Karstadt und Kaufhof. Mit ihrer Bekanntheit und der zentralen Lage seien sie prädestiniert, sich kompetente Partner als Untermieter in die Filialen zu holen.

Selbst das Erlebnis wird immer mehr zum ökonomischen Produkt, wie die wachsende Beliebheit der kommerziellen Freizeit- und Erlebnisparks in Deutschland belegen. Im Sport reicht vielfach schon nicht mehr das Streben nach Gesundheit aus, neben dem Spaß zählt auch das Abenteuer und ein wenig Nervenkitzel. Und das Einmalige und Exklusive, wie der Run auf Sportarten wie Golf und Reiten belegen.

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