Neue Spekulationen – Italiener müssen Töchter verkaufen
GM könnte Fiat früher als geplant übernehmen

Der US-Autoriese General Motors (GM) könnte zum Retter für den angeschlagenen Fiat-Konzern werden. Bei GM gibt es erste Planspiele, den südeuropäischen Konkurrenten vielleicht schon dieses Jahr zu übernehmen. Italienische Banken könnten mit einer Finanzspritze helfen, Fiat selbst forciert den Verkauf attraktiver Töchter.

zel/mab DÜSSELDORF/MAILAND. In der Züricher Europazentrale von General Motors (GM) werden Szenarien durchgespielt. Einer der möglichen Pläne: GM übernimmt die verlustreiche Autosparte von Fiat nicht erst im Jahr 2004, sondern bereits in diesem Sommer. GM-nahe Kreise bestätigten die Planspiele mit der Begründung, der US-Konzern würde viel Geld sparen, wenn die fehlenden 80 % von Fiat Auto zum aktuell günstigen Fiat-Kurs von gut 13 Euro erworben würden.

Fiat selbst weist die Überlegungen zum Verkauf der Autosparte zurück, die Abgabe des größten Verlustbringers im Konzern (operatives Minus im ersten Quartal 2002: 429 Mill. Euro) stehe nicht zur Diskussion. Offiziell wollte GM zu möglichen Fiat-Übernahmeplänen keine Stellung nehmen. "Kein Kommentar", sagte am Montag ein Sprecher in Zürich.

Bislang stand allein die Spekulation im Raum, General Motors werde frühestens im Jahr 2004 Fiat Auto komplett übernehmen. Vor zwei Jahren waren die Amerikaner mit 20 % bei der Autosparte des italienischen Konzerns eingestiegen. Im Gegenzug bekam Fiat 6 % der GM-Anteile. Der Fiat-Konzern besitzt gegenüber GM eine so genannte "Put-Option". Verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage beim italienischen Automobilhersteller weiter und entscheidet sich das Fiat-Management zum Verkauf, würde das Anteilspaket ausschließlich GM angeboten - und der US-Konzern müsste kaufen. Frühestens in zwei Jahren darf Fiat GM dieses "Put"-Angebot machen. Möglich wäre jedoch auch eine vorgezogene Einigung - offenbar die Grundlage der aktuellen Überlegungen bei GM.

Über die Konsequenzen der "Put-Option" wird bei General Motors auf jeden Fall schon jetzt intensiv nachgedacht. "Wir wollen selbstverständlich vorbereitet sein", bestätigte der Züricher GM-Sprecher. Das schließe die Fälle ein, dass Fiat seine Autosparte vielleicht gar nicht oder erst nach 2004 abgeben wolle. Auf Seiten der GM-Arbeitnehmer stößt eine mögliche komplette Übernahme von Fiat immer stärker auf Ablehnung. Dort ist die Furcht groß, dass vor allem bei der deutschen GM-Tochter Opel noch mehr Stellen als in der Vergangenheit abgegeben werden müssen, wenn die komplette Autosparte von Fiat dazu kommt. Bislang arbeiten GM/Opel und Fiat lediglich im Teileeinkauf sowie bei der Produktion von Motoren und Getrieben zusammen. Zwei Joint-Venture-Geschaften waren dafür kurz nach dem Einstieg von GM bei Fiat gegründet worden.

Fiat selbst bereitet der hohe Schuldenberg von 6,6 Mrd. Euro extreme Probleme. In Italien verlautete am Montag, die drei bedeutendsten Gläubigerbanken Sanpaolo-IMI, IntesaBCI und Banca die Roma hätten sich auf eine Finanzspritze für Fiat geeinigt. Im Gegenzug würden die Banken Anteile der Fiat-Tochter Ferrari bekommen, deren Börsengang zum Jahresende geplant ist. Das könnte Fiat bis zu 1 Mrd. Euro in die Kassen bringen. Die beteiligten Banken wollten die Finanzhilfen jedoch nicht bestätigen.

Aus Fiat-Kreisen verlautete gestern, dass höchst wahrscheinlich schon in den kommenden 14 Tagen die Verhandlungen über den Verkauf der beiden Töchter Teksid (Metallerzeugnisse) und Comau (Industrieanlagen) erfolgreich abgeschlossen werden dürften. "Dann wird die Temperatur auf dem Fieberthermometer deutlich heruntergehen", sagte ein Fiat-Manager. Das Unternehmen erwartet ein Inkasso aus den beiden Operationen in Höhe von gut 1 Mrd. Euro. Wichtiger als die Geldsumme ist dabei, dass nach langem Warten endlich Teile des Verkaufsplans realisiert werden. Vor einem Jahr waren erstmals Verkaufsabsichten bekannt gegeben worden.

In der Finanzwelt ist speziell nach der Hauptversammlung vor zwei Wochen der Unmut über die nicht gehaltenen Versprechungen der Fiat-Spitze gewachsen. Das Vertrauen in das Unternehmen habe nachhaltig gelitten, so ein Analyst in Mailand. Nicht kommentieren wollte ein Unternehmenssprecher gestern die wieder aufgeflammten Gerüchte, dass nun auch die profitable Flugzeugtochter Fiat Avio sowie die Versicherung Toro zum Verkauf stünden.

In Italien wird inzwischen massiv über den Gesundheitszustand von Fiat-Ehrenpräsident Gianni Agnelli spekuliert. Bruder Umberto Agnelli erklärte dazu, Gianni Agnelli habe die Behandlung in den USA bislang gut überstanden. Der Fiat-Ehrenpräsident kuriert ein Krebsleiden an der Prostata. In Mailänder Finanzkreisen ist es ein offenes Geheimnis, dass das Fiat-Management die Autosparte sofort verkaufen würde, wenn der 82-jährige Gianni Agnelli keinen Einfluss mehr ausüben könnte. Die Diskussionen über die Zukunft hatten großen Einfluss auf den Aktienkurs: Fiat gab deutlich nach.

Quelle: Handelsblatt

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