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Neue Spekulationen über Ursache der "Kursk"-Havarie

Zwei Wochen nach der Havarie des russischen Atom-U-Bootes "Kursk" gehen die Spekulationen über die Unglücksursache weiter. Der Untergang sei höchstwahrscheinlich auf einen Manöverunfall zurückzuführen, der eine Gasexplosion an Bord ausgelöst habe, sagte der ehemalige russische Atom-U-Boot-Kommandant Alexej Gusow am Sonntag dem Sender Focus TV.

afp/dpa MOSKAU. Der Befehlshaber der norwegischen Nordstreitkräfte, Vizeadmiral Einar Skorgen, bestätigte, westliche Messgeräte hätten "eine gewaltige Gasexplosion" an Bord der "Kursk" aufgezeichnet. Den 118 getöteten Seeleuten verlieh Russlands Präsident Wladimir Putin postum hohe militärische Auszeichnungen. Der Gouverneur der Region Kurs verteidigte die Haltung Putins während der Katastrophe. Die Militärführung habe den Präsidenten nicht hinreichend informiert.

Gusow sagte, die "Kursk" habe vermutlich einen Übungstorpedo abgeschossen und sei ihm dann gefolgt. Gleichzeitig habe auch ein Marineschiff den Torpedo verfolgt. Dies sei ein typisches Vorgehen bei Manövern wie jenem in der Barentssee. Vermutlich habe die "Kursk" das Schiff gerammt, sei leckgeschlagen, und das eindringende Wasser sei mit den beiden Akkumul torenblöcken in Kontakt gekommen, was zu den beiden registrierten Explosionen geführt habe. Auch bei früheren Manövern sei es häufig zu ähnlichen Situationen gekommen. "Ich habe mich immer gefragt, warum das nicht schon früher passiert ist", sagte Gusow.

Der norwegische Vizeadmiral Skorgen sagte dem Nachrichtenmagazin "Spiegel", die beiden knallartigen Geräusche, die am Tag des "Kursk"-Unglücks von westlichen Messgeräten aufgezeichnet worden waren, seien eindeutig als "Explosionen" analysiert worden. Die Ursache der ersten, leichteren Detonation sei unbekannt. Die zweite "gewaltige" Explosion sei jedoch auf die Zündung eines brisanten Gemisches aus Sauerstoff und Wasserstoff zurückzuführen. Skorgen hatte die Rettungsaktion der norwegischen Taucher an der "Kursk" geleitet.

Die russische Militärstaatsanwaltschaft geht hingegen nach wie vor offiziell von einer Kollision aus. Wie Interfax meldete, nahm sie strafrechtliche Ermittlungen gegen mögliche Verursacher einer Kollision der "Kursk" mit einem anderen "schwimmenden Objekt" auf. Die Zeitung "Kommersant" schrieb unter Berufung auf die Justiz, die Ermittlungen schlössen auch die Möglichkeit "eines Meteoriteneinschlags ins Meer oder eines terroristischen Aktes" ein. Möglicherweise könnten auch der Kapitän und die Besatzung für die "Missachtung der Sicherheitsvorschriften" verantwortlich gemacht werden, da bislang kein anderes Schiff entdeckt worden sei, das eine Kollision verursacht haben könnte.

Tapferkeitsorden posthum verliehen

Unterdessen verlieh Putin dem "Kursk"-Kommandanten "für seinen Mut und seinen heldenhaften Einsatz bei der Ausübung seiner militärischen Pflicht" postum den Titel des "Helden der russischen Föderation". Die anderen 117 Besatzungsmitglieder wurden mit dem Tapferkeitsorden ausgezeichnet. Zudem verfügte Putin die Errichtung eines Denkmals in Widjajewo, dem Heimathafen der "Kursk", für die Mannschaft des am 12. August gesunkenen U-Bootes.

Der Gouverneur von Kursk, Alexander Ruzkoi, warf der Militärführung vor, den Präsidenten im Zusammenhang mit der Katastrophe "belogen und vor der gesamten Welt entehrt" zu haben. Flottenchef Wladimir Kurojedow und Verteidigungsminister Igor Sergejew hätten "dem Präsidenten berichten müssen, dass wir keine Rettungsmittel für große Tiefen besitzen" und ihm raten müssen, sich an Norwegen zu wenden, sagte Ruzkoi der "Welt am Sonntag". Den Tod der U-Boot-Fahrer hätten vor allem der Verteidigungsminister und der Chef der Seekriegsflotte "auf dem Gewissen".

Norwegische Offshore-Firma nimmt Bergungsauftrag an

Zwei Wochen nach dem tragischen Untergang der «Kursk» und dem Tod der 118 Seeleute an Bord kommt jetzt die Diskussion über die Bergung des russischen Atom-U-Bootes in Gang. Der stellvertretende Ministerpräsident Ilja Klebanow erörtert an diesem Montag mit den Konstrukteuren der «Kursk» Pläne zur Hebung des 155 Meter langen Wracks aus 100 Meter Tiefe. Die norwegisch-britische Spezialfirma Stolt Offshore nahm den russischen Auftrag zur Bergung der Leichen aus der «Kursk» an. An den Plänen wird noch gearbeitet. Klebanow, Leiter der russischen Sonderkommission, werde in St. Petersburg mit dem Ingenieurbüro «Rubin» sprechen, das die «Kursk» entwickelt hat, meldete die Nachrichtenagentur Itar-Tass am Sonntag. «Rubin» hat den Auftrag, einen Plan zur Bergung binnen zwei Wochen zu erarbeiten. Die «Kursk» war erst 1994 in Dienst gestellt worden.

«Rubin» hatte seinerzeit auch einen Plan zur Hebung des 1989 im Nordpolarmeer gesunkenen Atom-U-Boots «Komsomolez» ausgearbeitet. Das Vorhaben wurde aber nie realisiert. Um die in 1 700 Meter Tiefe liegende «Komsomolez» wurde 1995 ein Schutzmantel gelegt, um das Austreten von Plutonium aus zwei Torpedos zu verhindern.

Der Firmenchef von Stolt Offshore, Julian Thomson, plädierte für eine Hebung des gesamten Wracks der «Kursk». Die Tieftaucher der Firma hatten vor einer Woche nach vergeblichen russischen Rettungsversuchen das Wrack geöffnet und festgestellt, dass es dort keine Überlebenden gab.

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