Neue Standards sollen das illegale Kopieren von Inhalten verhindern
Mit „Palladium“ gegen Raubkopierer

Der digitale Vertrieb von Filmen und Musiktiteln steckt in in der Krise. Zum einen werden Inhalte immer ungenierter illegal kopiert. Zum anderen mangelt es weltweit immer noch an schneller Datenübertragung zum Kunden.

HB DÜSSELDORF. Wenn im neuen "Herr der Ringe" gigantische Armeen aufeinander prallen, in "Stirb an einem anderen Tag" James Bond vor einem Eispalast vorfährt oder in "Monster AG" liebenswerte Monster ein kleines Mädchen in ihr Herz schließen - immer ist der Computer mit dabei. Die Digitalisierung in Film, Fernsehen und Musikbusiness ist auf der Produktionsseite heute schlicht Alltag. Anders sieht es allerdings auf der Vertriebsseite aus. Hier klafft noch eine riesige Lücke. In mehrfacher Hinsicht: Zum einen funktioniert der digitale Vertrieb noch immer nicht und zum anderen ufert die digitale Raubkopie immer mehr aus. Auch zu Beginn des Jahres 2003 hat die Medienindustrie keine überzeugenden Antworten auf die brennendsten Fragen der Zukunft parat.

Die Probleme kulminieren in zwei Punkten. Zum einen die weltweit mangelhafte Verbreitung von Breitband-Internet und zum anderen die "Unsicherheit" der heutigen digitalen Endgeräte wie Computer, Handy oder MP3-Spieler aus Sicht der Unternehmen. Das betrifft den Kopierschutz ebenso wie praktikable Abrechnungssysteme.

Fehlenden Breitbandzugänge verbieten tragfähige Businessmodelle

Die fehlenden Breitbandzugänge verbieten schlicht noch, tragfähige Businessmodelle auf Basis von Internetvertrieben aufzubauen. Die Datenmengen bei TV- und Film sind zu groß, nur für digitale Musik und Texte sind die Bandbreiten nutzbar. Daran ändert auch das viel gepriesene DSL nichts. Schlecht für Deutschland: "Deutschland ist ein DSL-Land und das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben", sagt Jouni Forsmann, Breitbandanalyst vom Marktforschungsinstitut Gartner. Zwar wird im Jahr 2006 seiner Meinung nach jeder fünfte Haushalt in Deutschland einen DSL-Anschluss haben, doch das wären gerade einmal doppelt so viele wie heute.

Einer der wesentlichen Gründe: Investitionen und Aufwand sind für die DSL-Anbieter noch recht überschaubar, sagen Experten. Im Gegensatz dazu wäre der Aufbau einer deutlich schnelleren Infrastruktur per TV-Kabel extrem teuer. Auf dem stark zersplitterten Kabelmarkt müssten Hunderte von Unternehmen und Wohnungsgesellschaften unter einen Hut gebracht werden, um Milliarden zu investieren. Schier unmöglich: Gerade mal einen Anteil von etwa 2 % sagen Experten daher dem Kabel in drei bis vier Jahren auf dem Breitband-Markt voraus. Auch Technologien wie WLL (drahtloser Zugang zum Festnetz) und Internet per Satellit gelten eher als Lückenfüller. Im Satellitenbereich könnte sich dies ändern, da sich die Kosten für die Anmietung eines Transponders mittlerweile auf Grund massiver Überkapazitäten beinahe um den Faktor Zehn verringert haben, wie Vorstandsvorsitzende der Teles AG, Sigram Schindler erläutert. Die zu Teles gehörende Strato AG will diese Ersparnisse an die Kunden weiterreichen und so endlich 2003 einen namhaften Marktanteil für Satelliten-DSL erreichen, das in der Basisversion mit 4 MBit Datenrate (T-DSL: 768 KBit) für Internet-TV theoretisch ausreichen würde. Die Satellitenanbieter könnten - neben dem bereits im Testbetrieb laufenden Digitalen Terristrischen TV per Antenne - zum heimlichen Gewinner der verschleppten und verpassten Kabelaufrüstung in Deutschland werden.

Medienindustrie hofft auf Hilfe

Was die Sicherheit der Inhalte angeht, hofft die Medienindustrie auf Hilfe von der Seite der Hardware- und Softwareanbieter. Am Horizont tauchen immer öfter die Stichworte "TCPA" und "Palladium" auf. Bei der Trusted Computing Platform Alliance, kurz TCPA, handelt es sich um den Verbund mehrere Unternehmen einschließlich der Marktgiganten Intel und Microsoft. Sie wollen, vereinfacht gesagt, mit einem fest integrierten Sicherheitschip in PCs, Handys, Laptops, Druckern, Settop-Boxen oder PDAs bestimmen, was auf der Hardware des Anwenders laufen darf und was nicht. Theoretisch könnte so etwa der Betrieb von CD-Brennern oder Software zur Umgehung von Kopierschutz unterbunden werden. Mediaplayer könnten die Wiedergabe nicht authentifizierter Dateien verweigern oder Raubkopien unter Angabe der Computeridentifikation an den Rechteinhaber melden. Das Softwarepentant ("Palladium") zu dem Sicherheitschip soll auch in Microsofts künftigen Betriebssystemen integriert sein. Es erlaubt oder verweigert dann die Ausführung von Programmen oder Dateien.

Systeme wie "TCPA" und "Palladium" werden das beherrschende Thema der kommenden Jahre sein. Hier treffen die Vor- und Nachteile der digitalen Medienwelt frontal aufeinander. Auf der einen Seite versprechen sie der Medienindustrie die notwendige Sicherheit, um Medieninhalte vertreiben zu können, auf der anderen Seite droht ein massiver Eingriff in die Hoheit der Konsumenten, aber auch bei Unternehmen und Behörden. Gerade letztere sehen mit gemischten Gefühlen die Gefahr, dass Externe Kontrolle über Computer und Datenbestände ausüben könnten. Seit August 2002 besteht beim Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik eine Arbeitsgruppe, die die Auswirkungen solcher Systeme untersuchen soll.

Die Gemengelage in der digitalen Medienindustrie bleibt vorerst unübersichtlich. Mit einer schnellen Verbesserung der Situation ist deshalb nicht zu rechnen. Zumindest für 2003 wird wohl alles beim alten bleiben. Der digitale Weg aus der Krise ist für die gebeutelte Medienindustrie deshalb noch nicht in Sicht. Allenfalls am Horizont erkennbar.

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