Neue Strategie gesucht
Computer-Pionier Dell gerät in die Midlife-Krise

su AUSTIN. Computer-Pionier Michael Dell hat Börsengeschichte geschrieben: Die Aktie seiner Dell Computer Corp. war das beste Dividendenpapier der 90er Jahre mit einer durchschnittlichen Gesamtrendite von fast 100 % pro Jahr. Angetrieben von einem revolutionären System - dem direkten Verkauf von Personal Computern (PC) an die Kunden - wuchs das Unternehmen drei- bis viermal so schnell wie der Rest der Branche.

Doch aktuell sieht die Situation des US-Computerherstellers nicht mehr so rosig aus. In diesem Jahr ist der Aktienkurs bisher um 23 % gesunken. Im zweiten Quartal, das am 28. Juli endete, hat Dell beim PC-Absatz mit plus 12 % den Branchendurchschnitt kaum übertroffen. Der Umsatzanstieg von 25 % lag unter den Erwartungen sowohl des Unternehmens als auch der Wall - Street-Analysten - und das schon zum dritten Mal in fünf Quartalen.

Es sieht so aus, als sei das Vorzeigeunternehmen Dell in eine Midlife-Krise geraten. Der rasant gewachsene Computer-Pionier muss mit einer grundlegend veränderten Marktsituation zurechtkommen. Das plötzlich wesentlich langsamere Wachstum des PC-Marktes hat ihn besonders hart getroffen. Der graue Kasten, der Gründer Michael Dell zum Milliardär machte, ist inzwischen ein Gebrauchsgut. Das innovative Image ist dahin und die Käufer unterliegen nicht länger der Zwangsvorstellung, ihren PC alle 18 Monate auswechseln zu müssen.

Um aus dem Tal herauszukommen, hat Dell eine ehrgeizige Strategie entwickelt: Der Konzern will in die Märkte für Internet-Server und Datenspeicher vordringen. Dort konkurriert er mit Platzhirschen wie Sun Microsystems Inc., Compaq Computer Corp. und EMC Corp. Auch auf den neuen Märkten soll das alte Erfolgsrezept aus der PC-Welt funktionieren: Je mehr PC das Unternehmen verkaufte, desto weiter senkte es die Preise - auf Kosten der Gewinnmargen. So zwang Dell Konkurrenten in die Knie, bis nur noch wenige übrig blieben.

Analysten sind skeptisch: "Bei Großrechnern läuft der Verkauf nicht über den Preis", warnt Barry Jaruzelski vom Unternehmensberater Booz Allen & Hamilton. Computersysteme, die ganze Unternehmensnetze steuern, erfordern viel Organisationsleistung und Service. Das musste schon Dell-Konkurrent Compaq lernen. Dell wird sich beim Service auf Partner wie IBM und Lante Corp. verlassen müssen.

Auch das neue Datenspeichersystem von Dell stößt auf Skepsis: Es soll die selbe Leistung bringen für einen Bruchteil des Preises, den etwa EMC für seine Systeme verlangt. "Ich denke, EMC steht für Excess Margin (überzogene Gewinnspanne) Corporation", greift Dell den Konkurrenten gewohnt harsch an. Ken Steinhardt, Marketing-Chef für Nordamerika bei EMC, kontert: "Das einzige Speichermedium, für das Dell bekannt ist, sind simple Disketten im PC." Datenspeicherung erfordere immer mehr Software, doch da fehle es Dell an Erfahrung.

Den Investoren sind die Risiken aufgefallen: Investmentfonds ziehen sich zurück. Die Dell-Aktie ist auf der Liste der am meisten gehaltenen Werte vom 14. Platz Ende 1998 auf Platz 22 im Juni zurückgefallen.

Der Strategiewandel ist nicht die einzige Baustelle bei Dell. Auch Management und Verkäufer müssen der veränderten Situation angepasst werden. Viele Manager, die für das enorme Wachstum des Konzerns verantwortlich waren, haben sich mit ihren Aktienpaketen zur Ruhe gesetzt oder sind zu kleineren, wendigeren Firmen abgewandert. Dell hat es schwer, die Top-Talente der Branche anzuziehen und zu halten, sagen Headhunter. Der Konzern kann sie nicht mehr mit raketengleichen Anstiegen des Aktienkurses locken.

Für Firmengründer Michael Dell hat sich dennoch kaum etwas geändert. Er führt seinen Konzern weiterhin wie ein Start-up-Unternehmen. Und auch die unbekannten Märkte schrecken ihn nicht: "Wir machen immer noch das Gleiche, was wir seit langer, langer Zeit machen."

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