Neue Strategien am Ende des Internet- und Medienbooms
Die globalen Mediengiganten lösen sich auf

In knapp fünf Jahren formte Jean-Marie Messier mit Vivendi Universal S.A. scheinbar den größten Medienkonzern Europas. Doch in Wahrheit war es nur ein auf Pump zusammengekauftes Sammelsurium vom Musikunternehmen über US-Kabelsender bis zum polnischen Telefonbetreiber.

DÜSSELDORF. Vivendi wird in der derzeitigen Form nicht mehr lange bestehen. Ein Schicksal, das das französische Unternehmen mit anderen Medienkonzernen teilen wird. Sie alle versuchen derzeit, sich neu zu sortieren, Verlustbringer abzustoßen oder zu sanieren. Bei Vivendi geht nur alles ein wenig schneller. Wie schon der Aufstieg, so jetzt auch der Fall.

Die Medien stehen weltweit von mehreren Seiten unter Druck. Ein scharfer Rückgang der Werbeeinnahmen lässt die Umsätze einbrechen. Investitionen in neue Technologien treiben die Kosten. Zugleich brach der Aktienmarkt als Geldquelle weg. Und dann drehten auch noch die Banken, die jahrelang jede Expansionsstrategie willig finanziert hatten, den Geldhahn zu. Vivendi hat immerhin mehr als 30 Mrd. Euro Schulden bei 57 Mrd. Euro Umsatz aufgehäuft.

Vor allem aber hat sich der größte Traum, die Konvergenz der Medien, als Luftblase erwiesen. Die Idee, dass alles - vom Internet über das Fernsehen bis zum Telefon - zusammenwachsen wird, hat sich bisher nicht realisiert. Doch hier lag die Triebfeder für so manchen übereilten Großeinkauf. So hat etwa, zur völligen Überraschung der Branche, der spanische Telefonriese Telefónica den TV-Show-Produzenten Endemol übernommen. Heute sucht er verzweifelt nach einem Käufer. Das Messier-Prinzip, die gesamte Wertschöpfungskette besitzen und miteinander verschmelzen zu wollen, hat nicht funktioniert.

Die Medienkonglomerate beginnen sich deshalb wieder auseinanderzudividieren. Im Falle Vivendi könnte Hollywood-Hai Barry Diller ("Diller the Killer") billig seine erst Ende 2001 an Messier verkauften Kabelsender und gleich auch noch die Filmstudios abräumen. Telekom-Unternehmen könnten sich für Cégétel interessieren und die Bronfman-Familie Universal Music zurückkaufen. Der Musik-Weltmarktführer war durch die Verschmelzung von Seagram mit Vivendi zu Messiers Reich gekommen.

Auch Bertelsmann hat Zeichen der Zeit erkannt

Die Zeichen der Zeit hat auch Vivendis größter Rivale in Europa, die deutsche Bertelsmann AG erkannt. Vorstandschef Thomas Middelhoff konnte lange die Strategie Messiers von seinem Sitz im Vivendi-Aufsichtsrat mit verfolgen. Und er hat offensichtlich daraus gelernt. Er trennt sich von allem, was seiner Meinung nach nicht zur neuen, puristischen Medienstrategie Bertelsmanns passt oder keine Synergiebeiträge zum Gesamtunternehmen liefert. Dabei macht er weder vor dem ehrwürdigen Fachbuchverlag Bertelsmann Springer noch vor den Berliner Tageszeitungen des Gruner + Jahr-Verlags halt. Weitere 25 Unternehmen stehen auf der Verkaufsliste. Gekauft wird nur billig und gezielt im Medienkerngeschäft, wie jüngst die Anteile an der RTL Group. Aktuell verhandelt der Konzern über einen Einstieg in den Nachrichtensender n-tv. Ein teurer Missgriff war nur ein über alte Put-Optionen erzwungener Drei-Milliarden- Dollar-Zukauf in der Musikbranche.

Als größter Problemfall nach Vivendi gilt AOL Time Warner. Der Internet-Gigant AOL und der Medienriese Time Warner haben ihre Megafusion noch immer nicht verdaut. Im Gegenteil, Konjunktur- und Börsenprobleme lasten stark auf der neuen Nummer eins. Die Fragen werden immer lauter, ob und wie sich die versprochenen Synergieeffekte jemals einstellen werden. Wurde nur ein Magazin mehr verkauft, weil AOL mit im Verbund ist? Hat AOL einen Internet-Kunden mehr, nur weil Time Warner mit dabei ist? Erste Wall-Street-Analysten wünschen sich schon eine Rückabwicklung der spektakulärsten Fusion der vergangenen Jahre. Der Konzern selber will seine Strukturen deutlich vereinfachen und sich gegebenenfalls sogar von seiner TV-Kabelsparte trennen.

Die Fusion von AOL mit Time Warner markierte den Höhepunkt des Größenwahns im Medienbereich. Messiers Rücktritt läutet jetzt die Konsolidierung ein. Ein Scheitern der AOL-Time-Warner-Fusion wäre der Tiefpunkt - hofft zumindest die Branche.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
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