Neue Strategien sollen Folgen von Unfällen mit Geländewagen abmildern
Sensoren in der Motorhaube schützen Fußgänger

Geländewagen haben nicht zu Unrecht das Image, dass sie leichteren Fahrzeugen und deren Insassen bei einem Zusammenstoß wegen ihrer Größe besonders gefährlich werden können. Ingenieure suchen jetzt nach Lösungen, um die Sicherheit für Dritte zu verbessern. Das wollen sie mit Sensoren und neuen Materialen erreichen.

HB WIEN. Die Hersteller von Geländefahrzeugen suchen nach Lösungen zur Erhöhung der so genannten passiven Sicherheit. "Die Vorstellung, dass ein mit Rammaufbau nachgerüsteter Geländewagen mit einem Kleinwagen crasht, löst bei vielen Menschen große Ängste aus", bringt Peter Schöggl von der Grazer Motorenentwicklungsgesellschaft AVL das Problem auf den Punkt.

Zwar würden auch die Kompaktfahrzeuge immer schwerer - die Polo- und Fiesta-Klasse bringt bereits ein Leergewicht von mehr als 1 000 kg auf die Waage -, doch das Gewicht der so genannten Offroad-Fahrzeuge müsse aus Sicherheitsgründen so gering wie möglich gehalten werden, sagt der frühere VW-Vorstand für Forschung und Entwicklung, Prof. Ulrich Seiffert.

Auf das Fahrwerk entfällt - einschließlich der Räder - rund ein Fünftel des Gesamtgewichts von Allradfahrzeugen. Würden die Front- und Heckklappen aus Faserverbund-Kunststoffen konstruiert, Aluminiumbleche für die Stirnwand, den Kofferraumboden und die Seitenteile verwandt und Aluminium- oder Magnesiumdruckguss für das Frontend, dann würden die Autos deutlich an Gewicht verlieren - und damit deutlich sicherer für andere Verkehrsteilnehmer werden.

Eine andere Idee, wie es gelingen könnte, die Bauteile bei den Fahrzeugen sicherer zu gestalten, hat Dirk Adamczyk von der ZF Lemförder Fahrwerktechnik. Heute sind die Bauteile so ausgelegt, dass sie sich bei Überbeanspruchung verformen. Verformbare Bauteile haben ein hohes Dehnungsvermögen und damit auch eine geringere Festigkeit, deren Kompensation das Bauteilgewicht erhöht. Anstatt auf eine Verformung zu warten, will der Autokonstrukteur die Belastung von Bauteilen mit Hilfe spezieller Sensoren - zum Beispiel Beschleunigungsaufnehmer - überwachen. Überschreitet die Beanspruchung einen bestimmten Wert, schlägt der Bordcomputer Alarm. Das betroffene Teil kann dann innerhalb der nächsten 2.000 Fahrkilometer ausgetauscht werden.

Auf diese Weise könnten "sprödere", damit auch höherfeste Werkstoffe verwendet und damit - abhängig vom Bauteil - sowohl Gewicht in der Größenordnung von 10 bis 20 % als auch Kosten eingespart werden. Doch nicht allein die Kollision mit anderen Autos macht den Geländewagenherstellern Sorgen, sondern auch Unfälle mit Fußgängern. Verkehrsunfälle mit Geländewagen sind oft besonders folgenschwer. Gefährlich sind vor allem Unfälle, die von den kantigen Strukturen des Autos verursacht werden, etwa "Kuhfängern" und den Stoßstangen, die zum Teil mehr als einen halben Meter hoch liegen.

Außen-Airbags mildern den Aufprall

An Karosserieteilen, die ein Fußgänger bei einer Kollision zuerst berührt - der so genannte Primärkontakt an den Beinen oder an der Hüfte -, sollte eine mehrere Zentimeter dicke Schicht aus Kunststoffschaum die Wucht des Stoßes reduzieren, schlagen die ZF-Konstrukteure vor. Die Folgen des Kopfaufpralls auf die Motorhaube könnten mit Hilfe von Sensoren gemildert werden: Hochgeschwindigkeits-Aktuatoren, die die Haube anheben, würden mehr Raum für Verformungen schaffen. Und Außen-Airbags, die sich aus geöffneten Spalten entfalten, könnten harte Kantenbereiche bedecken.

Doch bis solche Entwicklungen tatsächlich marktreif sind, wird noch einige Zeit vergehen. Manuel Edo Ros, Leiter Fußgängerschutz bei der Advanced Car Technology Systems (ACTS) in Sailauf, dämpft die Hoffnungen auf eine baldige Serienproduktion von Sensorsteuerungen zur Vermeidung unmittelbar bevorstehender Fußgängerkollisionen. Solche reaktiven Systeme würden kaum vor 2008 oder 2010 verfügbar sein. Kurzfristig müsse man mit konstruktiven Mitteln versuchen, die Auswirkungen von Unfällen abzumildern.

Was hier möglich ist, hat das Ford Forschungszentrum Aachen jetzt vorgemacht: Dort wurde eine Systemlösung mit drei aufeinander abgestimmten Bausteinen entwickelt. Ein spezieller Mechanismus verändert bei einer Kollision mit einem Fußgänger automatisch den Neigungswinkel der Motorhaube, so dass die Aufprallenergie weitgehend absorbiert wird. Der neu entwickelte vordere Stoßfänger gibt außerdem bereits bei einer geringen Aufprallstärke nach. Und auch das Scheinwerfergehäuse wurde aus einem ähnlich nachgiebigen Material geformt, das beim Zusammenstoß mit den Oberschenkeln des Fußgängers Energie aufnehmen kann.

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