Neue Studie
Gewinnbringende Abgeordnete

Eine neue Studie zeigt, dass börsennotierte Unternehmen, die Bundestagsabgeordnete beschäftigen, im Durchschnitt deutlich mehr verdienen als andere Firmen. Auch der Aktienkurs entwickelt sich besser. Wie kann das sein? Eine der beiden möglichen Erklärungen dürfte den Kritikern der Abgeordneten-Nebenjobs Auftrieb geben.

BERLIN. Das Gedränge in der Lobby des Bundestages könnte bald noch ein wenig größer werden. Wenn sich zu den Interessenvertretern und Journalisten eine weitere Zunft gesellt, die sich um das Ohr der Abgeordneten bemüht: die Headhunter.

Denn: Für Unternehmen scheint es sich zu lohnen, Parlamentarier zu beschäftigen. Zumindest zeigt eine neue Studie des Centre for Financial Research der Universität Köln, dass börsennotierte Unternehmen, die Bundestagsabgeordnete auf ihrem Lohnzettel führen, im Durchschnitt deutlich mehr verdienen als andere Firmen. Auch der Aktienkurs entwickelt sich besser.

Die Wissenschaftler Alexandra Niessen und Stefan Ruenzi hatten dazu die Informationen über die Nebeneinkünfte der Volksvertreter ausgewertet, die diese seit Anfang Juli auf der Internetseite des Bundestages veröffentlichen müssen. Sie identifizierten 95 Berliner Parlamentarier, die für 28 an der Börse gelistete Unternehmen tätig waren - sei es als Vorstand, Aufsichtsrat oder auch nur als sporadischer Redner. Wenig überraschend waren dabei Politiker von FDP und Union überproportional vertreten.

Die Entwicklung der 28 Unternehmen verglichen die Forscher dann mit der Performance zahlreicher anderer Aktiengesellschaften. Und der Befund ist verblüffend eindeutig: Der Gewinn pro Aktie lag bei Unternehmen mit Abgeordneten in ihren Reihen im Durchschnitt um zehn Prozent über dem der Vergleichsfirmen. Bei der Entwicklung des Aktienkurses schnitten die politisch verdrahteten Unternehmen sogar um 18 Prozent besser ab.

Noch größer wird der Vorsprung, wenn die beiden Forscher die Position der Parlamentarier und ihr Gehalt berücksichtigen. Firmen, bei denen ein Abgeordneter im Vorstand oder Aufsichtsrat saß und dabei mindestens 7 000 Euro pro Jahr verdiente, erzielten rund 30 Prozent mehr Rendite und Kursgewinne.

Wie kann das sein? Eine der beiden möglichen Erklärungen, die die Autoren anbieten, dürfte den Kritikern der Abgeordneten-Nebenjobs Auftrieb geben: Die Abgeordneten verhelfen ihren Unternehmen dazu, privilegierten Zugang zu öffentlichen Aufträgen oder Steuervergünstigungen zu bekommen - oder aber beeinflussen die Gesetzgebung im Sinne ihrer Neben-Arbeitgeber. Das hieße, sie sitzen nicht in erster Linie als Volksvertreter, sondern als Lobbyisten ihres Arbeitgebers im Parlament. Genau solche Interessenverwicklungen sollten die Transparenzregeln ja aufzeigen helfen.

Allerdings gibt es noch eine weniger skandalträchtige, ebenso wahrscheinliche und genau gegengesetzte Erklärung: Danach arbeiten die Abgeordneten wegen der höheren Reputation bevorzugt für erfolgreiche Firmen. Welche der beiden Interpretationen die richtige ist, belegt die Studie nicht. Gut möglich, dass an beiden etwas dran ist.

Die Autoren versprechen aber, bald für mehr Klarheit zu sorgen. Die Studie deckt bislang lediglich das Jahr 2006 ab. Nur für diesen Zeitraum wurden die Nebeneinkünfte der Parlamentarier veröffentlicht. Um wirklich belastbare Aussagen treffen zu können, müsse die Entwicklung über mehrere Jahre untersucht werden. "Wir werden dranbleiben", verspricht Niessen. Deshalb sollten Unternehmen wohl noch ein wenig warten, bevor sie im großen Stil Personalberater auf die Parlamentarier loslassen.

Till Hoppe
Till Hoppe
Handelsblatt / Europa - Korrespondent in Brüssel
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