Neue Techniken geben Absendern mehr Kontrolle
E-Mail-Nachrichten mit eingebautem Verfallsdatum

Manche Dinge hätte man besser nie geschrieben. Zum Beispiel bei einem Geschäftsprojekt, das dann scheitert. Da gibt es vertrauliche Briefe an ehemalige Partner, Notizen und Dokumente, von denen man plötzlich gerne hätte, dass sie sich in Luft auflösten. Was bei normalen Schriftstücken schwierig bis unmöglich ist, ist bei E-Mails dank neuer Technik jetzt in Reichweite. Der Absender kann die E-Mail aus der Ferne verschwinden oder auch nach einer vorher festgelegten Zeit automatisch löschen lassen. Das gibt dem Absender eine nie da gewesene Kontrolle über seine Botschaft.

WiWo/ap NEW YORK. Die Technik ist noch relativ neu, stößt aber auf ein wachsendes Interesse. Nicht zuletzt auch durch das Kartellrechtsverfahren gegen Microsoft, in dem E-Mails von Bill Gates und anderen Managern zu einem wichtigen Beweismittel wurden. Aber die jüngst bekannt gewordene Vernichtung von wichtigen Unterlagen beim Zusammenbruch des US-Energiekonzerns Enron wirft auch Fragen auf, welche Dokumente man zerstörten darf und welche man vielleicht sogar aufheben muss, um sich nicht strafbar zu machen.

Bei einer der Schredder-Techniken werden E-Mails verschlüsselt und der Schlüssel dem Empfänger nur eine vorgegebene Zeit zugänglich gemacht. Läuft diese ab, verschwindet die E-Mail. "Der Wettbewerb in der Wirtschaft ist heute so hart, da wollen wir, dass das, was vertraulich sein soll, auch vertraulich bleibt", sagt Doug Hampshire von der Firma Peregrine Systems, die ein solches System herstellt. Andere Verfahren sorgen gar dafür, dass sich die E-Mail selbst zerstört. Der Absender kann auch vorgeben, dass eine E-Mail nicht kopiert oder ausgedruckt werden kann und dass Screenshots des Bildschirms mit der E-Mail blockiert werden.

Das Problem mit den E-Mails ist ihre Hartnäckigkeit. Drückt man auf dem Computer die Löschtaste, dann verschwindet die E-Mail nur aus dem Verzeichnis. Experten können sie meist leicht wiederherstellen. Selbst wenn sie nicht mehr auf der Festplatte des Empfängers sein sollte, gibt es genügend Kopien: etwa auf den E-Mail-Servern, die sie auf ihrem Weg passiert hat; auf Sicherungsbändern der Online-Unternehmen überdauern sie Jahre.

Die Sicherungssysteme der Computer werden eigentlich nur dafür entwickelt, um wichtige Daten vor Verlust zu schützen. An rechtliche Auseinandersetzungen und Klagen denkt dabei niemand, sagt Kristin Nimsger von der Firma Ontrack, die auf die Wiederbeschaffung wichtiger Daten spezialisiert ist, zum Beispiel von zerstörten Festplatten. Die neuen Verfahren bringen nicht unbedingt mehr Sicherheit, stattdessen wächst die rechtliche Grauzone. Zum Beispiel bei Firmen, die aus finanzrechtlichen Gründen Unterlagen mehrere Jahre aufheben müssen, bei denen sich aber Mitteilungen nach einiger Zeit "in Luft auflösen". Was ist, wenn sich während behördlicher Ermittlungen Dokumente selbst zerstören? Zudem sind auch die geschilderten Techniken nicht hundertprozentig sicher. So kann nichts eine Person davon abhalten, den Bildschirm mit einer Kamera abzulichten oder die E-Mail einfach abzuschreiben.

Christopher Wolf von der Kanzlei Proskauer Rose rät deshalb zur Vorsicht. Es sei allemal besser, sich vorher genau zu überlegen, was man schreibe, als sich auf technische Spielereien zu verlassen. Und Steve Jones, Professor für Kommunikation an der Universität von Illinois-Chicago, sieht noch einen ganz anderen Aspekt: Das Versenden einer sich selbst zerstörenden E-Mail zeugt nicht gerade von besonderem Vertrauen gegenüber dem Empfänger. "Und ich bin mir nicht sicher, ob Sie das wirklich übermitteln wollen."

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