Neue Verfahren stehen in den Startlöchern
MP3 kommt in die Jahre

Das Audio-Kompressionsverfahren MP3 hat sich auf breiter Front durchgesetzt, kommt aber langsam in die Jahre. Neue Techniken schaffen noch mehr Platz und einen besseren Klang. Fünf Konkurrenten streiten sich um die Nachfolge. Wer das Rennen macht, ist noch nicht klar.

HB DÜSSELDORF. Der wachsende Trend, Musik aus dem Netz oder von CD möglichst klanggetreu auf winzige tragbare Abspielgeräte zu bringen, erfordert neue ausgefeilte Audio-Kompressionstechniken. Brausen Musikdaten von der Original-CD noch mit 1,4 MBit/s in den Verstärker - viel zu viel für die Zwergen-Player - so pressen Komprimierungsverfahren wie MP3 die Töne wie eine Ziehharmonika zusammen: Sie verringern den Datenstrom der Töne auf zehn Prozent - und das ohne bemerkenswerte Qualitätsverluste.

Eine MP3-Datei benötigt so nur 128 Kilobit pro Sekunde - die doppelte ISDN-Geschwindigkeit. Dies ist aber immer noch viel, wenn man bedenkt, dass die herkömmlichen 56-K-Modems noch sehr weit verbreitet sind. Das von der Fraunhofer-Gesellschaft entwickelte und weit verbreitete Musikformat MP3 hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf breiter Front durchgesetzt und bestimmt immer noch den Markt. Doch andere Systeme mit deutlich besseren Leistungswerten stehen bereits in den Startlöchern.

Einfacher Kunstgriff

Die Audio-Kompression nutzt einen ganz einfachen Kunstgriff: Wegen der begrenzten Aufnahmefähigkeit des Gehirns werden nur die Bestandteile der Tonsignale an das Bewusstsein weitergeleitet, die auch unserer Aufmerksamkeit bedürfen. Deswegen erkennt der Mensch nicht alle Schallfrequenzen gleich gut: Man nimmt an, dass nur weniger als fünf Prozent aller am Ohr eintreffenden Audioinformationen auch tatsächlich vom Gehirn wahrgenommen werden. Dementsprechend könnte ein Musikstück theoretisch auch auf fünf Prozent "eingedampft" werden, ohne dass der Mensch einen hörbaren Unterschied wahrnimmt. Encoder entscheiden dazu, was beim Kodieren weggelassen werden kann.

MP3 hat dieses Prinzip als erste Technologie genutzt, als Nachfolger kommt der ebenfalls von der Fraunhofer-Gesellschaft entwickelte Standard MP3Plus mit nur noch 96 KBit/s aus. Dieser ist allerdings nicht mehr frei verfügbar, sondern bedarf einer kostenpflichtigen Lizenz. Mit einem kostenlosen Code ausgestattete Audio-Software, wie MP3 oder Ogg Vorbis, kann hingegen entsprechend günstiger an den Kunden abgegeben werden.

Deswegen und wegen der großen Verbreitung vermutet Philips-Sprecher Klaus P. Petri: "Bis die MP3-Front bröckelt, kann man noch lange warten."

Plattenbranche an Kopierschutz interessiert

Um gut ein Drittel besser als MP3 ist auch die heute meist von Rundfunkanstalten eingesetzte Kompressionstechnik AAC (Advanced Audio Coding). Sie enthält zudem Lizenzkontrollen wie Kopierrechte, Abspiel-Zeitfenster und Abspiel-Anzahl. Die Kopierschutztechnik macht AAC besonders für die Plattenbranche interessant. Durch eine von Coding Technologies entwickelte, SBR (Spectral Band Replication) genannte Technologie, wurde AAC in der Qualität gegenüber MP3 deutlich verbessert: Dieses AAC Plus genannte Kompressionsverfahren klingt trotz halber Bitrate besser als MP3, denn fehlende Obertöne werden quasi aus dem Nichts aus dem unteren Frequenzbereich regeneriert. "AAC Plus macht CD-Sound in Stereo bei 48 Kilobit pro Sekunde möglich", sagt Martin Dietz, Chef von Coding Technologies.

Dies seien die besten Voraussetzungen, um kompakte Audiodateien künftig mit dem Handy herunterzuladen und abzuspielen. Kompakte Audiodateien sind bei Handys deshalb so wichtig, weil jedes übertragene Bit bares Geld kostet. "Mit seiner Fähigkeit, hohe Audioqualität bei niedrigsten Bitraten zu ermöglichen, eignet sich aacPlus ideal für die Übertragung multimedialer Inhalte bei drahtlosen Anwendungen", bestätigt Curt Waters, Manager des Mobilfunkgeschäftes bei Texas Instruments.

Mit dem Windows-eigenen WMA (Windows Media Audio) will sich auch Microsoft ein Stück vom Audio-Kuchen abschneiden. Zwar hat der Softwaregigant mit seiner neuen Version 9 in der Wiedergabequalität merklich aufgeholt, doch vermuten Experten, dass Microsoft in Zukunft auch damit seine strenge Lizenzpolitik verfolgt.

Frei nutzbar ist dagegen das Audio-Kompressionsverfahren Ogg Vorbis, das sich deswegen zum neuen Feind der Musikindustrie mausert und mit seinen 64 KBit/s nahe an die Fünf-Prozent-Hörgrenze herankommt. Und die nächste Revolution in Sachen Audio rollt aus Österreich heran: "Triple-S - sss" - super small sound - soll Audiodateien auf den Bruchteil der Größe von MP3 bringen und steht ab diesem Monat zum kostenlosen Download im Web zur Verfügung. Die Vielfalt der Audioverfahren rundet Sony mit seiner Hausmarke Atrac 3 ab, die sich jedoch mit MP3 verträgt. Auf der Cebit stellt der japanische Elektronik-Riese eine verbesserte Plus-Version vor.

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